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(79) Cash Corner
Am 31. Oktober 2008, 19 Jahre nach der Wende, wurde in der Region Tief-Ost der erste Geldautomat eingeweiht. Die Beamten des örtlichen Polizeireviers bildeten ein kleines Ehrenspalier. Bürgermeister Wortmann schritt hindurch und schnitt das rotweiße Absperrband mit einer rostigen Heckenschere entzwei.
Das Band hatte der Revierleiter zur Verfügung gestellt, die Schere stammte von Manfred Krautroder, dem Vorsitzenden der Gartensparte Morgennebel, und viele Einheimische waren gekommen, um dem feierlichen Ereignis beizuwohnen. Selbst POM Dieter Schröder, der Revier-Oldie, war da; trotz seines schlimmen Rückens. Wenn auch nur, weil er annahm, dass die Automatenweihe zu Ehren des 91. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erfolgte.
Die Leute klatschten, der Bürgermeister redete, und alle waren zufrieden, bloß Wachtmeister Drombusch starrte finster unter seiner Dienstmütze hervor. "Neumodische Technik", brummte er, "zieht neumodische Verbrechen nach sich." Er sollte Recht behalten.
Der Missbrauch des Geldautomaten begann eine Woche später. Zuerst kamen die linken Jugendlichen, die unüberlegte Parolen quer über den Automaten sprühten.
Kapital enteignen!
Die rechten Jugendlichen hatten noch weniger in ihren Kahlköpfen, wollten aber mitmischen, wenn Jemand oder Etwas plattgemacht wurde.
Sie sprühten: Kapital verbrennen!
Die Männer vom Revier Tief-Ost mussten Überstunden schieben, um der Justiz ausreichend Delinquenten zuzuführen, die erst zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt und dann zum Sauberwischen des Geldautomaten eingeteilt werden konnten.
Als nächstes kamen die Diebe.
Sie stahlen den Rentnern von Tief-Ost die EC-Karten samt Geheimzahlen aus Damenhandtaschen, männlichen Arschtaschen und aus den Spinden beim Seniorenschwimmen. Danach hoben sie am neuen Geldautomaten mehr Kapital ab, als der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm, der einen Hang zum Leichtsinn hatte, den Senioren an Rente für die nächsten tausend Jahre versprochen hatte.
Das Revier Tief-Ost initiierte einen Aufklärungsartikel in der Heimatzeitung, der darauf verwies, dass Geheimzahlen sicher aufzubewahren seien, am besten in einer Art Versteck. Weitere präventive Ratschläge erteile Wachtmeister Drombusch während der bekannten Öffnungszeiten des Reviers.
Beim Kürzen des Textes strich der Redakteur - wie üblich - an der falschen Stelle. Gedruckt wurde schließlich, dass Drombusch Präventivschläge austeile. Die Leser glaubten es aufs Wort. Sie versteckten eilends ihre Geheimzahlen und fanden sie nie wieder. Um an ein bisschen Geld zu gelangen, mussten die Leute auf den Automaten einprügeln, bis er sich übergab wie ein Gewaltopfer im Rinnstein.
Von der Decke des Automatenhäuschens protzte zwar eine Überwachungskamera, doch infolge der Globalisierung war diese mit Drähten aus der chinesischen Erdbebenprovinz Sichuan, Mikrochips aus Kenia sowie einer Linse aus Ostfriesland bestückt und lieferte nur schummerige Bilder, die auch aus dem Vestibül des Bordells Rote Lotuslampe hätten stammen können.
"Früher, als wir noch auf diese ganze Stasi-Technik zurückgreifen konnten, wäre das nicht passiert", maulte POM Schröder, der Ex-ABV.
Um vielleicht doch noch einen der Maschinenstürmer zu identifizieren, befahl der Revierleiter, einen Zettel an den Automaten zu kleben. Darauf stand, dass beim Geldabheben ab sofort jegliche Vermummung untersagt war. Keine Mützen, keine Schals und keinerlei Kopfverbände oder Halskrausen. Für Ali, den Dönermann, wurde eigens ein Postskriptum angefügt: Und schon gar keine Palästinensertücher!
Die Maßnahme erzielte Wirkung, wenn auch aus einer anderen Richtung als erhofft. Shalomeh Ahnedinichanoh, die iranische Frauenrechtlerin, die das Integrationszentrum in der Kreisstadt leitete, sah ihre Rechte als Kopftuchträgerin von Polizeistiefeln getreten, klagte und - gewann.
Die Rechte der Frauen, insbesondere der zugewanderten, seien höher einzuschätzen als das Bedürfnis der Polizei, Räuber, Randalierer oder Reibachmacher zu fangen, entschied eine Richterin. Polizeianwärter Kowalke musste den Verbotszettel unter großem Medienauflauf aus dem Automatenhäuschen entfernen.
"Jetzt fällt mir wirklich nichts mehr ein", murmelte der Revierleiter geschlagen.
Nur Drombusch hatte noch ein As im Uniformärmel.
Als sich der dorfbekannte Kaffeekassenknacker Schlieder nachts ins Kassenhäuschen schlich und eine verbeulte Milchkanne unter dem Geldausgabeschlitz anschraubte, um die Automatenbenutzer zu melken, schlang sich der starke Arm des Gesetzes um seinen Hals.
Hinter ihm stand Drombusch mit rotgeränderten Augen wie ein gereizter Kampfstier. Er roch nach abgestandenem Deo, Staub und Wuthormonen. Seit Tagen lebte er in der Wartungsnische hinter dem Geldautomaten und niemand außer dem Essen auf Rädern und ein paar Weberknechten kam ihn besuchen. Kein Wunder also, dass er den erstbesten Dieb ganz fest umarmte, als wolle er ihn nie wieder loslassen.
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