REVIER TIEF-OST

(80) Heiliger Terror


Die Weihnachtsruhe im Revier Tief-Ost endete am Nachmittag des 23. Dezember. Es klingelte. Gerda Hutschler, die Postfrau, stand draußen. Sie brachte ein Paket mit fünf Kilo Pfefferkuchen, die Drombusch in Pulsnitz bestellt hatte, denn die Lebkuchen von Max Dinkel, dem Bäckermeister von Tief-Ost, waren höchstens als Sterbekuchen zu gebrauchen.

Außerdem hatte Gerda Hutschler eine aufgeweichte Postkarte dabei. "Die ist unzustellbar", beklagte sich die Postfrau. "Könnt ihr euch mal drum kümmern?"


Drombusch brummte unwirsch, aber da Gerda Hutschler die Pfefferkuchenschachtel nur zusammen mit der Postkarte herausrücken wollte, hatte er keine Wahl.

Die Karte befand sich in einem Frühstadium der Kompostwerdung. Die Tinte war ausgelaufen und bildete kryptische Muster. Polizeianwärter Kowalke, der zu viele Filme sah, hielt sie für den Schriftcode einer untergegangenen Hochkultur. Zwei Worte jedoch, die noch lesbar waren, sprachen gegen seine Theorie. Das eine lautete Weihnachten. Das andere laden.

Was Weihnachten war, wussten die Beamten. Das zweite Wort gaben sie in den Polizeicomputer ein, und da flimmerte es dann unheilschwanger auf dem Monitor:

Datensatz gefunden. 54 Prozent Übereinstimmung für:
Bin Laden, Osama, alias Usāma, alias Wosama?, alias Dosama!, 51, fünffach verheiratet, Beruf: Terrorist, wohnhaft in: Schurkenstaat. Status: Premiumstaatsfeind.


Wenn man von Wjatscheslaw Dolonski, dem polnischen Brieftaschenschlitzer, absah, war Osama bin Laden der meistgesuchte Schuft der Welt, und nun hatte er befohlen, das Weihnachtsfest in Tief-Ost zu sabotieren! Etwas anderes konnte die von Gerda Hutschler abgefangene Postkarte kaum bedeuten, davon war der Revierleiter überzeugt. Er wünschte, er hätte einen roten Knopf, auf den er drücken könnte, und gab Terroralarm.

Nun begann eine ausgeklügelte Abfolge von Notfallmaßnahmen abzulaufen.

Als Ali, der Dönermann, Drombusch und Kowalke auf seine Imbissbude zuwalzen sah, lächelte er zunächst noch. "Bockwurst mit extra Senf?"

Drombusch schüttelte den Kopf. "Vorbeugehaft!", knurrte er und schlug die Klappe an Alis Imbisswagen zu.

Der Dönermann wollte protestieren, doch die Tür ließ sich schon nicht mehr öffnen, weil Kowalke inzwischen drei Lagen rotweißes Absperrband um den Wagen gewickelt hatte. Ali hörte, wie ein Traktor vorfuhr. Der Revierleiter hatte ihn bei Bauer Gottwald zu Staatsschutzzwecken requiriert. Der Imbisswagen samt Ali wurde hinten angehängt und bis auf weiteres aus dem öffentlichen Verkehrsraum entfernt.

Polizeiobermeister Dieter Schröder musste unterdessen das Einkaufsgeschehen im örtlichen Supermarkt überwachen. Er ging nach strengen fahndungswissenschaftlichen Kriterien vor. Wer keinen Stollen, keine Weihnachtsgans oder nicht wenigstens geräucherte Nüsse und gebrannten Schinken im Korb hatte, galt als auffällig und musste eine erkennungsdienstliche Behandlung über sich ergehen lassen: Täterfoto, Fingerabdrücke sowie Inspektion sämtlicher Taschen und Körperöffnungen.

Die Leute schimpften - bis auf die 90-jährige Erna Schwabelitzky. Beim Tasten nach dem Pfefferminztee auf ihrem Nachtschrank hatte sie vor zwei Nächten ihr Gebiss verschluckt. POM Schröder konnte es ihr im Zuge der Durchsuchung wiederbeschaffen.

Zur Christmette am Morgen des heiligen Abend erschien Kowalke in der Kirche von Tief-Ost. Das Gotteshaus galt als potenzielles Angriffsziel islamischer Terroristen. "S…sie finden Mi… Minascheen und Mo…Monarette einfach schöner", erklärte er dem erzürnten Pfarrer. "D…deshalb sollte ich h…herkommen und die Go…Gottesanbeter röntgen." Er fuchtelte mit einem Nacktscanner in der Luft herum.

Das Gerät war für den Einsatz auf Flughäfen entwickelt worden. Es konnte Fluggäste bis auf die Haut durchleuchten und dabei sogar Porzellanpistolen, Nylonmesser und Plastikhandgranaten aufspüren. Der Scan funktionierte auch bei den Engeln gut, die während der Christmette singen sollten. Kowalke entdeckte porzellanfarbene Haut, Nylonbüstenhalter und in einigen Brüsten verstecktes Plastik. Er nahm alle Engel fest.

Im Revier mussten sie sich später eine Zelle mit den Männern teilen, die Drombusch am Abend von der Straße wegholte, weil sie mit falschen Identitäten unterwegs waren. Sie hatten sich als Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht oder Santa Clause ausgegeben und sich sogar falsche Bärte angeklebt. Aber Drombusch war nicht blöd. Ein Datenabgleich hatte ans Licht gebracht, dass es sich ausnahmslos um Familienväter aus der Region handelte.

So ging Weihnachten vorbei und ein Terroranschlag blieb aus. Die Beamten konnten sich nun wieder profaneren Fällen zuwenden. Zum Beispiel der alleinerziehenden Mutter Denise, die mit ihrem fünfjährigem Sohn Dennis ins Revier kam, um einen Diebstahl zu melden.

Zu Weihnachten hatte Dennis von seinen Großeltern zum wiederholten Mal Filzsocken, einen Strickschal und eine uncoole Bommelmütze geschenkt bekommen. Offenbar war die Karte, die sie gemeinsam an Oma und Opa geschrieben hatten, auf der Post gestohlen worden.

"Wir hatten ausdrücklich geschrieben, dass er sich zu Weihnachten einen Kaufmannsladen wünscht", klagte Denise.

Kowalke wollte etwas sagen, aber Drombusch schüttelte stumm den Kopf.