|
(81) Hardware-Pein
Das neue Jahr sah Wachtmeister Drombusch in düsterer Stimmung. Das Gesicht zur Gewitterwolke geballt, stand er mit verschränkten Armen vor einer der Gefängniszellen im Revier Tief-Ost und starrte durch die Gitterstäbe.
Zu Silvester war ihm ein großer Fang gelungen. Er hatte einen Raketenanschlag auf den christlichen Jugendklub Martin Luther vereitelt und einen der Täter mit einem sprühenden Sternchenfeuer in der Hand erwischt, das als Anzündhilfe zum Einsatz kommen sollte. Der Delinquent war ein Mitglied der regionalen Neonazi-Gruppierung, die sich die Glatzen Ost nannte. Sein Name war Ralf Rackwitz, besser bekannt als Admiral Cannabis. Er hatte meistens rote Augen und war der Sicherheitschef der Glatzen.
Drombusch erhoffte sich von ihm erhellende Aussagen über Größe und Struktur der Glatzenbande, ihre Hinter-, Neben- und Vordermänner sowie über weitere geplante Anschläge, etwa auf Kinderfeste, Polkaabende und sorbische Trachtentreffen.
Admiral Cannabis griente nur dümmlich und schwieg.
Drombusch drohte ihm mit Folter, doch der schmächtige Glatzkopf wusste ganz genau, dass die Polizei seit langem kein Geld für die dazugehörigen Instrumente mehr hatte. Drombusch hatte versucht, bei Ebay einen gebrauchten Zahnnerv-Extraktor zu ersteigern, war aber überboten worden, während er im Seniorenklub einen Vortrag über die Bedienung von Fußgängerampeln hielt.
"Sie haben nichts, womit Sie mir Angst einjagen könnten." Admiral Cannabis grinste wie ein Schimpanse im Kreuzverhör
Plötzlich drang Gejammer, gemischt mit deftigen Flüchen aus der Amtsstube herüber. Das übliche Wehklagen von POM Schröder, der sich über seinen Dienst-PC beschwerte. "Diese Kiste bringt mich noch ins Grab!" winselte der alte Polizist, und plötzlich wusste Drombusch, was er zu tun hatte. Sie besaßen keine Folterinstrumente? Von wegen!
Er befahl Polizeianwärter Kowalke, zwei Dienst-PC im Abstand von einem Meter auf den Schreibtisch zu stellen, die Gehäuse bis an die Kante vorzurücken und das CD-ROM-Laufwerk zu öffnen. Dann holte er seinen Gefangenen aus der Zelle, schubste ihn unter rabiatem Baucheinsatz bis vor den Schreibtisch, quetschte die Handgelenke des Delinquenten durch die Löcher in der CD-Lade und drückte auf Schließen.
Admiral Cannabis steckte fest. Er sah aus wie der Held einer griechischen Tragödie, den ein rachsüchtiger Gott an einen Berg aus ATX-Towern geschmiedet hatte.
Der Revierleiter, der das Gleichnis erahnte, sagte: "Ich könnte meinen Wellensittich holen, damit er ihn langsam aufpickt."
"Das wagt ihr nicht!" Admiral Cannabis gab sich gelassen wie ein Tütenraucher vor dem Jugendschöffengericht.
Drombusch wies Kowalke an, einen weiteren PC hochzufahren und eine grafikintensive Anwendung zu starten. Der Polizeianwärter wählte S.t.a.l.k.e.r. - Shadow of Chernobyl, einen Egoshooter, mit dem er sich auf die Nachtstreife vorzubereiten pflegte.
Das Bild ruckelte, und die schwachbrüstige Grafikkarte aus Polizeibeständen lief heiß. Kurz vor der Kernschmelze riss Drombusch die Platine aus dem Rechner und drückte Admiral Cannabis den glühenden Grafikchip in die Weichteile. Qualm stieg auf. Es roch wie im Karzer des Sheriffs von Nottingham.
"Hast Du uns etwas zu sagen?" knurrte Drombusch, aber der Gefangene fiepte bloß leise durch eine Zahnlücke im Unterkiefer.
Laut sagte der Wachtmeister: "Der Kerl leidet USB - Unter Seiner Blödheit." Admiral Cannabis starrte ihn verwirrt an, und Drombusch zeigte ihm, was er meinte: Er befreite die linke Hand es Delinquenten aus der CD-Lade, selektierte den kleinen Finger und rammte ihn in den USB-Port des Rechners. Der Finger war dick, deshalb musste der Nagel draußen bleiben. Admiral Cannabis schrie lauter als ganz Abu Ghuraib bei Nacht, wollte aber noch immer keine Informationen preisgeben.
POM Schröder schlug vor, den Gefangenen zu einer kompletten Windows-Neuinstallation zu zwingen, aber an diesem Punkt kamen dem Revierleiter Skrupel. "Wir sollten erst mal nachfragen, ob das von der Genfer Konvention gedeckt ist", meinte er zögerlich.
"Na schön, lassen wir ihn eben gehen", brummte Drombusch und machte den Glatzkopf los. Admiral Cannabis bemerkte nicht, dass der Wachtmeister ein Auge zukniff, als er die anderen ansah. Kaum war er frei, wollte er wegsprinten, aber Drombusch stellte ihm ein Bein, und er segelte mit der Nase voran in den Lüfter von Kowalkes Dienst-PC, der noch immer auf Hochtouren rödelte.
Es knirschte gemein, als Nasenknorpel und Lüftermotor miteinander rangen. Dann brannte der Motor durch. Beißender Rauch kräuselte aus dem Gehäuse, und Admiral Cannabis wurde mit einem mal ganz friedlich. Seine Augen verdrehten, seine Kiefermuskulatur entkrampfte sich, und er fing zu plappern an wie ein Kronzeuge auf Duosan.
Die Beamten erfuhren, dass die Glatzen ihre Raketen und Silvesterböller in Polen bezogen hatten, also praktisch in Feindesland. Nun hatten sie etwas, womit sie den Ruf der Glatzenbande nachhaltig schädigen konnten.
Nur der Polizeipräsident war nicht glücklich. Er drohte, ein Disziplinarverfahren wegen unbotmäßiger Folter zu prüfen.
Der Revierleiter hob eine Braue. "Folter? Wie kommen Sie darauf? Das war ein neues Präventionskonzept."
Der Polizeipräsident schnaubte. "Ihr Mann hatte den Gefangenen an zwei Computern fixiert!"
"Nun ja, der Horst wollte dem jungen Mann bloß mal zeigen, wie gefährlich es ist, zu viel Zeit am Rechner zu verbringen."
Die hier veröffentlichte ungekürzte Fassung der Geschichte enthält nicht nur mehr Folterszenen, sondern auch ein anderes Ende als die Zeitungsfassung. Außerdem sind einige Szenen anders "geschnitten". Da die Geschichte fast dreimal so lang war wie das, was in die Zeitungsspalte passte, musste natürlich wieder kräftig gekürzt werden und einige Szenen wollten plötzlich nicht mehr zusammenpassen, weil die Übergänge fehlten. Hier also der restaurierte Recut. Sollte man eigentlich auf Blu Ray rausbringen und dafür viel Geld verlangen. :-)
|