REVIER TIEF-OST

(82) Eiskalt begnadigt



Der Winter war mit einer Vehemenz über die Region Tief-Ost gekommen wie es sonst nur betrügerische Investoren taten. Von einen Tag auf den anderen hatten die Meteorologen die globale Erwärmung abgesagt, und es hatte endlos zu schneien begonnen, bis selbst die Schlaglöcher auf der Dorfstraße proppenvoll waren. Der Schnee knirschte, dass es in den Ohren wehtat. Seit dem Aussterben der Wollnashörner war es nicht mehr so kalt gewesen.

Der Dienst in der Polizeiwache kam nahezu zum Erliegen. Der Revierleiter hatte POM Schröder zum Schneeschippen vors Objekt geschickt, doch beim ersten Bücken war im Kreuz des alten Kollegen etwas eingerastet. Er hatte die Form eines Winkelmaßes angenommen und war mit dem letzten Rettungswagen, der sich in Richtung Kreisstadt durchwühlen konnte, ins Krankenhaus gebracht worden.

Anderentags wurde der Revierleiter zu einer Besprechung ins Polizeipräsidium gerufen, wo er nie eintraf. Da er auch nicht zurückgekehrt war, nahm Drombusch an, dass sie ihren Chef samt Dienst-Golf zeitigstens im Frühjahr wiedersehen würden, wenn der Schnee taute.

Der Wachtmeister saß am Rechner und produzierte wie üblich ein Protokoll nach dem anderen, doch da der Internetknoten von Tief-Ost in einer vereisten Konifere am Ortsrand hing, ging keine seiner Meldungen raus. Drombusch erreichte nicht mehr, als dem Winterstau auf den Straßen einen Datenstau im polizeiinternen Computernetzwerk hinzuzufügen.

Es war unbefriedigend.

Auch Polizeianwärter Kowalke wirkte nicht zufrieden. Während er am Schreibtisch saß, mit dem Drehstuhl kippelte und hin und wieder den Notruf eines gefrosteten Autofahrers entgegennahm, wurde ihm klar, dass er seit Jahren beruflich nicht weiterkam. Er erwog gerade, sich mit einem Scheibenwaschanlagen-Auftauservice selbstständig zu machen, als das Telefon klingelte.

Kowalke nahm ab. "Revier Defrost. Tauwärter Kowalke am Apparat … äh, ich meine …"

"Hiffewollizei!"

Zuerst glaubte Kowalke, dass ein Bürger dran war, der sich über ein von Drombusch verhängtes Bußgeld beschweren wollte. Ehe sie anriefen, tranken sich die Leute immer erst Mut an. Freilich hatte noch keiner genug getrunken, um eine Diskussion mit dem Wachtmeister durchzustehen.

"Ihlmüfftffnellgommäm."

Kowalke fragte sich, ob er falsch lag. Vielleicht war ja der obszöne Anrufer dran, der unlängst die Bewohner der Seniorenresidenz Villa Grottenolm terrorisiert hatte. Die Heimleitung hatte Anzeige erstattet, aber die Seniorinnen waren sich einig gewesen, dass ein Einschreiten der Polizei nicht nötig war.

"Biddeffnell!"

Nur für den Fall schaltete Kowalke die Anruferrückverfolgung ein. Quietschend zwängten sich die Impulse durch die vom Frost geschrumpelte Leitung. Es dauerte viel zu lang, aber der Anrufer legte es offenbar nicht darauf an, zu fliehen. Schließlich spuckte die Anlage seinen Standort aus: Es war der öffentliche Fernsprecher neben dem Rathaus.

"Das sehen wir uns an", brummte Drombusch. "Wir brauchen sowieso ein bisschen Bewegung gegen die Kälte."

"Naennflich", stöhnte der Anrufer aus dem Hörer. Diese Worte wiederholte er, als die Beamten eine Weile später vor ihm standen und fügte hinzu: "Ffööneuftfufehen!"

"Schlieder!", knurrte Drombusch.

Der Kaffeekassenknacker hatte versucht, die Geldkassette aus dem Telefon zu brechen. Er hatte den Apparat angehaucht, nicht aufgepasst und war mit den Lippen am eiskalten Metall klebengeblieben. Mit vorletzter Kraft hatte er den Notruf gewählt. Nun stand er wie ein Idiot da und redete auch so. "Mafftmiffbiddelof!"

Die Dorfbewohner hatten sich oft über den neuen Fernsprecher beschwert, der wie ein welker Marterpfahl in der Landschaft stand, nachdem die Telekom das Häuschen eingespart hatte. Drombusch fand, dass das Konzept soeben seinen Härtetest bestanden hatte. Der Apparat war offenbar in der Lage, Vandalen selbsttätig dingfest zu machen.

Schlieder lief Sabber aus dem Mundwinkel und erstarrte zu einem Eiszapfen, der schon fast bis zum Boden reichte.

"Feine frische Luft, was?", grinste Drombusch.

Kowalke schlug vor, den Kaffeekassenknacker mit Türschlossenteiser loszutauen, aber die Sprühflasche befand sich im verschollenen Dienstgolf.

"Wie wäre es mit dem Schweißbrenner von Klaus, dem Schlosser?", insistierte Kowalke. "Oder dem Eispickel von Frau Stein?" Frau Stein wohnte im Seniorenheim. Sie war eine wunderliche alte Hexe, von der manche annahmen, dass sie früher Leute umgebracht hatte. Die Beweislage war dürftig, aber sie hatten auch nicht weiter nachgeforscht, weil Drombusch die alte Dame irgendwie mochte.

"Wir könnten versuchen, den Winterdienst zu rufen, damit sie Schlieder Streusalz ins Gesicht schaufeln", machte Kowalke weiter. Aber Drombusch schüttelte den Kopf.

"Ich fürchte, das geht nicht."

Der Wachtmeister hatte lange nachgedacht, ungefähr eine Minute lang. Wenn sie Schlieder losbekamen, mussten sie ihn aufs Revier mitnehmen, eine Anzeige schreiben und diese ans Polizeipräsidium schicken. Wegen des vereisten Internetknotens würde die Datei im Netzwerk festhängen, bis es Frühling wurde. Wenn es soweit war, würde Schlieders Aufknackversuch verjährt sein. Mehr als Anhauchen eines öffentlichen Telefons mit üblem Atem konnten sie ihm ohnehin nicht nachweisen.

Drombusch räusperte sich. "Er hat nichts getan …"

"Dafffdimmt", nuschelte der Kaffeekassenknacker.

"…also müssen wir ihn hierlassen", beendete der Wachtmeister den Satz.

Verzweifelt riss Schlieder die Augen auf. Ein Büschel Wimpern kam mit dem Telefongehäuse in Berührung und überzog sich augenblicklich mit Raureif . "Feiffe."

"Da hast du aber nochmal Glück gehabt", meinte Kowalke, der sich sehr über seinen Wachtmeister wunderte.

Durch achselhohe Schneewehen stapften sie ins Revier zurück. "Wann wird dieser blöde Winter bloß zu Ende sein?", stöhnte Kowalke.

"Hoffentlich nie", brummte Drombusch.