REVIER TIEF-OST

(83) Cosinus Malus



Polizeianwärter Kowalke saß mit starrem Blick an seinem Schreibtisch, runzelte die Stirn und zog eine Schnute. Seit Stunden stierte er auf ein flaches Kästchen, das vor ihm lag, schwarz und mit mehr Tasten als die Zentrale von Captain Picards Raumschiff.

Captain Picard war einer von Kowalkes Helden. Wenn Picard hier wäre, könnte er vielleicht helfen - falls er Data dabeihatte, denn bei dem Kästchen auf Kowalkes Schreibtischplatte handelte es sich um einen wissenschaftlichen Taschenrechner. Ein Geschenk seiner Kollegen zum siebenjährigen Dienstjubiläum.

Kowalke hatte sich ein i-Phone gewünscht, doch die anderen hatten ihn nur seltsam angeglotzt, und ihm dann das hier gebracht.

"Wir wussten nicht, ob wir ein Ei oder ein Telefon nehmen sollten, also dachten wir … ehe wir das Falsche bringen …" Bei der feierlichen Übergabe hatte der Revierleiter herumgedruckst. Natürlich kannte jeder im Raum die Wahrheit.

Ein i-Phone kostete ein Heidengeld. Den Taschenrechner aber hatte POM Schröder in seinem Schreibtisch gehabt, hinten links in der untersten Schublade. Das Überbleibsel einer Schulhofrazzia, die der Revier-Oldie vor vielen Jahren durchgeführt hatte, als er noch ABV gewesen war.

Oben auf dem Taschenrechner stand Texas Instruments. Die Sicherheitsorgane waren damals dafür sensibilisiert worden, auf Höllenmaschinen zu achten, die der Klassenfeind ins Land geschmuggelt hatte.

"Sieh dir nur die vielen Knöpfe an", versuchte Drombusch das Geschenk schönzureden. "Da hast du genug Reserven, falls mal einer kaputt geht. Das Ding kann sogar Wurzeln ziehen. Du musst also nie wieder zum Zahnarzt."

Ein paar Tage später erwischten sie Rudi, den Rollstuhlfahrer, wie er einen Unbehindertenparkplatz vor der Kaufhalle blockierte. Rudi, der als berüchtigter Hacker Silver Surfer im Internet unterwegs und auch ansonsten ziemlich schlau war, bot an, Kowalke in die grundlegenden Funktionen seines neuen Taschenrechners einzuweisen. Im Gegenzug sollte Drombusch seinen Strafzettelblock wegstecken. Widerstrebend willigte der Wachtmeister ein.

"Nur damit das klar ist", knurrte er Kowalke an. "Hier sind soeben Dienstjubiläum, Geburtstag und Weihnachten auf einen Tag gefallen."

Kowalke war entzückt über die Möglichkeiten, die ihm der Taschenrechner bot. So musste er nur mitzählen, wie viele Sekunden ein Autofahrer benötigte, um die hundert Meter zwischen Rathaus und Fleischerei zurückzulegen, um auszurechnen, wie schnell der Kerl fuhr. Zwei Häuser weiter, an der Bäckerei, winkten sie den Delinquenten an den Straßenrand und kassierten ihn ab. Das war wie Blitzen ohne Blitz; die Fahrer, die keine Radarfalle sahen, vermochten einander nicht zu warnen, und wenn die Einsätze lange dauerten - was der Fall war - konnten die Beamten einen Teil der Bußgelder jederzeit in Knacker und Brötchen umwandeln.

Protestierte jemand gegen ein Bußgeld, brachte Kowalke die Exponentialfunktion seines Rechners zum Einsatz.

Mit Hilfe der Sinus- und Cosinus-Tasten gelang es ihm, die Dreiecksform sämtlicher Warnschilder in der Region zu optimieren. Jetzt konnte keiner mehr behaupten, er habe nichts von dem 90-Prozent-Gefälle vor der Dauerbaustelle am Friedhof gewusst oder die Fußgängerampel hinter der dreifachen Doppelkurve am Ortsrand übersehen.

Nach einer Woche überführte Kowalke sogar einen potenziellen Serienmörder. Er war auf eine Cola in den christlichen Jugendklub Martin Luther gegangen, wo ihm Sergé, der Leiter des Jugendklubs, einen japanischen Austauschschüler vorstellte, der zurzeit am Juhnke-Gymnasium lernte. Kowalke hatte ein bisschen auf seinem Taschenrechner herumgetippt und mehr oder weniger zufällig die Ziffernfolge 376,730313461 aufgerufen.

Der kleine, verschlagen dreinblickende Japaner hatte ihn angegrinst: "Oh, die Charakteristische Impedanz des Vakuums!"

Kowalke wusste nicht, was das war, aber er fand, dass ein Typ, der im Alter von 15 oder 16 Jahren mit solchen Wörtern um sich schmiss, ins Gefängnis gehörte, ehe er ganz durchknallte und womöglich kleine Katzen oder halbwüchsige Mädchen umbrachte.

Drombusch war recht zufrieden mit dem Polizeianwärter. Endlich leistete der Junge halbwegs nützliche Polizeiarbeit. Das sagte er Kowalke auch, als sie eines Mittags an der Imbissbude von Ali Musterfa, dem Dönermann, standen und sich Chickendöner genehmigten.

Kowalke kamen ein paar Tränen, was an seinen Gefühlen lag, aber auch am Knoblauch. Um Drombusch stolz zu machen, setzte er ihm auseinander, was seine neueste Berechnung ergeben hatte: Früher hatten Alis Döner 20 Prozent mehr Masse gehabt. Dafür waren sie heute um 40 Prozent teurer.

Drombuschs Augen verengten sich zu Schlitzen, wie bei einem Höhlenbär, der nach einem langen Winterschlaf feststellt, dass die Welt wieder ein Stück mieser geworden ist. Erst schlug er Kowalke auf die Schulter, dann boxte er Ali in den Bauch und dirigierte ihn unter Zuhilfenahme seines eigenen Wanstes in Richtung Revier.

Ali stand jetzt genau ein Anruf zu, und ehe Drombusch einschreiten konnte, hatte er die Nummer des Integrationszentrums in der Kreisstadt gewählt. Keine Stunde später rauschte Shalomeh Ahnedinichanoh, die iranische Frauenrechtlerin, ins Revier. Sie machte Wind wie ein aufgeschlitzter Zeppelin.

"Dieses Mann", sie wies auf Ali, "leistet Beitrag zu - wie sagt man? - gesundes Ernährung!" Jetzt starrte sie Drombusch an. Ihr Blick war auf den dritten Uniformknopf von unten gerichtet, der sich über dem Bauch des Wachtmeisters wölbte und kurz vor dem Absprung stand.

"Wenn Sie kaufen Alis Döner, Sie essen weniger und haben nix mehr Geld für Nachtisch!" Shalomeh Ahnedinichanohs Augen blitzten wie Diamanten in einer Räuberhöhle.

"Stimmt!", krähte Kowalke verblüfft, nachdem er hektisch seinen Taschenrechner zurate gezogen hatte.

"Nun ja, wenn das so ist …", räusperte sich der Revierleiter, der keinen Ärger mit dem Integrationszentrum wollte.

Der Dönermann durfte die Zelle verlassen. An seiner Statt wurde Kowalke weggeschlossen. Drombusch hatte seine Meinung über den Taschenrechner geändert. "Mit diesem Ding bist du eine Gefahr für Recht und Ordnung", knurrte er.