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(84) Blitzkrieg VIII
Im Revier Tief-Ost brannte die Luft. Ein Schmierfink von der Heimatzeitung hatte das Internierungslager gefunden, in dem Drombusch polnische Lkw-Fahrer verschwinden ließ, deren Fahrzeuge auf der Bundesstraße liegengeblieben waren. Das Lager befand sich gut getarnt in einem Kiefernwäldchen. Der Reporter, der eigentlich über den Praxiseinsatz neuer Spechtkästen aus der Behindertenwerkstatt berichten sollte, war bloß durch einen dummen Zufall darüber gestolpert.
"Verdammt", erklärte der Revierleiter beim Morgenappell. "Sie schreiben, dass wir nicht gut genug sind, unser regionales Raserproblem zu lösen, aber immerhin schlecht genug, um internationale Konflikte heraufzubeschwören. Verdammt."
"Das verstehe ich nicht", murmelte Polizeianwärter Kowalke. "Falls die Polen Ärger machen, haben wir doch Panzer."
"Ich glaube, die sind zurzeit alle in Afghanistan", meinte der Revierleiter.
"Verdammt", sagte Kowalke.
Der Revierleiter fuhr seinen Rechner hoch und spielte zwei Runden Minesweeper, dann stand sein Maßnahmeplan.
Maßnahme Nummer eins: Drombusch musste das Lager auflösen.
"Verdammt", brummte der Wachtmeister.
Maßnahme Nummer zwei: Sie mussten endlich das Raserproblem in den Griff bekommen.
"Oh, verdammt", fand POM Schröder, der Revier-Oldie.
Das Raserproblem hieß Gunnar Grunzenhauser.
Gunnar war ein großer blonder Junge mit wodkagrauen Augen, dessen Haut mit einem bildgebenden Verfahren behandelt worden war - Tätowierungen, wie es im Kauderwelsch der Normalbürger hieß. In der Schule drehte er seit Jahren Ehrenrunden, und nach dem Unterricht kurvte er neuerdings in einem chilischotenroten Alpha Romeo Spider Turbo GTX Summer Edition durch die Gegend, erschreckte Rentner und fuhr Hauskatzen über den Haufen, manchmal auch andersherum.
Bisher war Gunnar jeder Verkehrskontrolle entgangen. Entweder er besaß übersinnliche Fähigkeiten oder einen Polizeifunkscanner. Einmal hatte ihn Detlef Kowalke dennoch beinahe überführt.
"Da hinten war ein Verkehrsschild, Gunnar, weißt du, was das heißt?"
"Aber natürlich, Dette. Da steht, rote Autos müssen überholen. Ich fahre ein rotes Auto."
Kowalke hatte verwirrt geblinzelt, und Gunnar Grunzenhauser war lachend davongebraust.
"Du Depp", hatte der Revierleiter nach einer eingehenden Tatortbesichtigung geschimpft. "Rote Autos dürfen zwar überholen, aber doch nur schwarze!"
Nun starteten sie also einen neuen Versuch, den Dorfraser unschädlich zu machen. "Er will Krieg?", knurrte Drombusch. "Wir werden ihn blitzen, bis er blind ist."
Den ersten Hinterhalt legte er an der Bundesstraße, knapp einen Zentimeter vor dem Ende einer Tempo-50-Strecke. Drombusch hatte zwei Radarfallen aufgestellt, die überkreuz blitzten. Es gab keine toten Winkel, die Linsen waren doppelt poliert, alle Anschlüsse eingefettet und der Radarimpuls mithilfe einer Zusatzbatterie verstärkt.
Doch Gunnars Auto kroch mit dem Tempo einer Schildkröte auf Kur vorbei. Die Falle wurde nicht ausgelöst.
"Verdammt", grunzte Drombusch. Der Kerl musste ein Navigationsgerät mit Radarfallenanzeiger haben. Sie mussten sich besser tarnen.
Er requirierte eine Abfalltonne, fräste mit der Stichsäge ein Loch hinein und versteckte das Blitzgerät im Innern. Dann lauerten sie zwischen Juhnke-Gymnasium und Bukowski-Grundschule auf Gunnar. Doch vor dem Dorfraser kam die Müllabfuhr, und die Radarfalle in der Tonne war im Eimer.
Kowalke rannte dem Müllauto hinterher, holte es aber nicht mehr ein. Er verlor bloß seine Dienstmütze. "Verdammt, verdammt, verdammt!"
Drombusch teilte diese Einschätzung.
Er beschloss etwas anderes zu versuchen. Der stationäre Blitzer am Ortseingang. Dort fuhr Gunnar immer langsam. POM Schröder musste sich direkt unter dem Starenkasten im Gebüsch verstecken. Wenn Gunnar vorbeikam, sollte er herausspringen und mit der Haltekelle fuchteln. Hielt Gunnar, würden sie irgendetwas finden, das mit seinem Auto nicht in Ordnung war. Fuhr er weiter, konnten sie ihn mit internationalem Haftbefehl zur Fahndung ausschreiben.
Der Plan war so perfekt wie perfide, aber Drombusch hatte vergessen, dass es am Starenkasten nur Brombeergestrüpp gab. Sie brauchen eine halbe Woche, um POM Schröder dort wieder herauszuholen.
Beim nächsten Mal postierte Drombusch Polizeianwärter Kowalke hinter der Bushaltestelle am Waldhaus. Kowalke hatte eine Laserpistole in der Rechten und eine Trillerpfeife in der Linken. Auf dem Kopf trug er einen Hut, der ihn wie einen Pilz aussehen ließ.
Gunnar Grunzenhauser röhrte durch eine Bodenwelle heran. Kowalke nahm ihn ins Visier. Das Messgerät meldete einen Wert knapp unter Warpgeschwindigkeit. Er hob die Pfeife an die Lippen, aber nichts trillerte, denn der Alpha Spider Turbo ließ im Vorbeirauschen Split hochspritzen, der Kowalke in sämtliche Öffnungen verstopfte: Er hörte, roch und sah nichts mehr, und auch die Pfeife war blockiert.
Doch Drombusch hatte vorgesorgt. Hinter der nächsten Kurve lag ein Baumstamm quer über der Fahrbahn, davor eine Nagelkette und vor dieser wiederum ein totes Wildschwein, das der Wachtmeister kurz zuvor unter Zuhilfenahme der Dienstpistole zur Mitarbeit verdonnert hatte.
Gunnar Grunzenhauser stieg auf die Bremse. Es quietschte wie in einem Ferkelstall, wenn der Fleischer zu Besuch kommt. Reifen radierten ein Schlangenmuster auf die Fahrbahn. Federnd stand der Wagen zum Stehen.
"Bisschen chaotisch unterwegs, was?", knurrte Drombusch.
Gunnar beugte sich aus dem Wagen. "Falls Sie die Schlangenlinien meinen, die muss man hier fahren. Da war so ein Schild vor der Kurve."
"Wie wär's damit: Angriff auf einen Vollzugsbeamten", donnerte der Wachtmeister und deutete auf Kowalke, der Split hustend angehumpelt kam.
"Nicht direkt", gab Gunnar zurück. "Dort hinten war noch so ein Schild, da war aufgemalt, dass man die Steine am Straßenrand hochschleudern soll."
"Ja, aber doch nur, wenn man ein schwarzes Auto fährt", keuchte Kowalke beleidigt.
Drombusch ließ Gunnar aussteigen und unterzog den Wagen einer hochnotpeinlichen Inaugenscheinnahme. Aber er fand nichts. Die TÜV-Plakette war nagelneu, im Kofferraum lag ein mattvergoldeter Sanikasten. Die Reifen hatten mehr Profil als der Innenminister.
Verdammt.
Im Innenraum das Gleiche. Zupackende Handbremse, Rückspiegel aus Kristallglas, und mindestens 120 Meter Sicherheitsgurte. Die Zulassung hing gut sichtbar in einem verchromten Rahmen am Armaturenbrett, Gunnars Führerschein roch druckfrisch.
Ein Handy lag auf dem Beifahrersitz. Es klingelte.
"Haben wir etwa freihändig telefoniert?", wollte Drombusch wissen.
"Nicht nötig." Gunnar tippte auf einen Stöpsel in seinem Ohr. Dann fing er zu sprechen an. "Hi, Babe, alles Roger? Klar denk ich an unser Date. Bis Tomorrow. Bussi!" Er zwinkerte dem Polizeianwärter zu. "Das war mein Darling. Ruft dreimal täglich an und simmst wie eine Blöde."
"Irre", fand Kowalke.
Das brachte Drombusch auf eine Idee. Er legte Gunnar Grunzenhauser Handschellen an und wies ihn wegen wirren Brabbelns in der Öffentlichkeit in die Psychiatrie ein.
Patient führt Selbstgespräche und fummelt sich neurotisch am Ohr herum, stand im Formular.
Diese Geschichte war wieder einer dieser Fälle. Eine neue Blitzkrieg-Folge war überfällig, aber worum sollte es gehen? Beim Schreiben wurde die Geschichte dann länger und länger. Am Ende war sie mehr als dreimal so lang wie das, was in die Zeitungsspalte passte. Bei der gekürzten Zeitungsveröffentlichung fiel dann nicht nur wieder einmal POM Schröder komplett heraus, sondern leider auch der hübsche Einstieg mit Drombuschs Internierungslager sowie etliche Blitz-Gags. Aber hier ist die Geschichte nun in voller Pracht …
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