REVIER TIEF-OST

(85) Der Amokläufer



Eines schönen Morgens im Mai erhob sich Wachtmeister Drombusch abrupt hinter seinem Computer und lief wie ferngesteuert zur Waffenkammer. Er klinkte sich Pfefferspray, Tränengasgranaten und eine Handvoll Schlagstöcke ans Koppel und stapfte aus dem Revier. Das war seltsam, denn eigentlich hatte Drombusch Formularausfülldienst und die nächste Fußballschlacht zwischen dem FC Abwärts Tief-Ost und Radon Erzgebirge war noch Wochen hin.

POM Schröder, der Revier-Oldie, starrte dem Wachtmeister entgeistert hinterdrein. Er selbst hatte das Revier seit den ersten Nachtfrösten im vergangenen Herbst nicht mehr verlassen. "Wo will der Horst denn hin?", fragte er in einem Ton als tobten draußen ein Blizzard, ein Dutzend Tornados und ungezählte Teilnehmer einer Rassenrevolte.

"Vielleicht braucht er einfach ein bisschen Bewegung", mutmaßte Polizeianwärter Kowalke. Vögel zwitscherten, die Sonne schien, und auf den Wiesen blühten Krokusse. Erst gestern hatte Drombusch davon geschwärmt, dass Knöllchenduft in der Luft hing.

Kowalke trat an den Arbeitsplatz des Wachtmeisters, sah, dass das Strafzetteldruckprogramm wieder einmal festhing und ahnte, dass er komplett danebenlag.

Kurz darauf trafen die ersten Hiobsbotschaften ein.

Ein wildgewordener Uniformierter war ins Juhnke-Gymnasium eingedrungen, hatte die Toiletten gestürmt und mindestens sieben rauchende Oberschüler mit dem Zigarettenstummel voran in die Klobecken gestopft - ohne zuvor Schüler und Glimmstängel zu trennen.

Danach hatte er eine Ranzenkontrolle vorgenommen, bei der drei Playstation Portables, acht Nintendo DS und eine unbekannte Anzahl Handys beschlagnahmt, auf einen Haufen geworfen und unter Zuhilfenahme eines bleikugelverstärkten Gummiknüppels unschädlich gemacht wurden.

Zwei Mädchen hatten angefangen zu weinen und waren wegen Widerstands gegen einen Vollzugsbeamten mit Handschellen an die Kletterstange in der Sporthalle gekettet worden. Der Direktor, der protestieren wollte, wurde wegen Beihilfe zum Analphabetentum zusammengeschlagen. Das alles klang ganz nach Drombusch.

Gegen Mittag erschienen Männer von der Dienstaufsicht im Revier, verlangten uneingeschränkte Kooperation sowie freien Zugang zum Kaffeeautomaten und leiteten eine Untersuchung ein.

"Ja, also", sagte der Revierleiter. "Wenn der Horst Amok läuft, kann es eigentlich nur am Computer liegen. So etwas hört man doch immer öfter." Er gab sich große Mühe, wie ein rechtskonservativer Familienpolitiker zu klingen. Er führte die Dienstaufsicht zu Drombuschs PC, der noch immer die eingefrorene Strafzettelmaske zeigte.

"Was ist denn das?", wollten die Untersuchungsbeamten wissen.

"Das Formular ist ein Sieben-Sechsundneunziger, der Computer ein Zwei-Sechsundachtziger", gab der Revierleiter kompromisslos Auskunft.

Drombuschs Monitor flimmerte wie ein Stroboskopstrahler während der Folterung politischer Gefangener in Nordkorea. Aus der Taststur wuchsen Fadenpilze. Wenn man etwas eintippte, wirbelten Sporenwölkchen in die Höhe. "Aber das ist halb so wild", versicherte der Revierleiter. "Einige Tasten klemmen; da passiert gar nichts."

Eine der kaputten Tasten war das Ausrufezeichen, und der Revierleiter musste einräumen, dass Drombusch sich seit Wochen darüber ereiferte. "Er meint, er könne seinen Strafbefehlen nicht mehr den nötigen Nachdruck verleihen. Das macht ihn manchmal ganz schön sauer." Der Revierleiter winkte ab. "Aber na ja, ich sage immer, Horst, da musst du durch. Schließlich haben wir alle dieselben Rechner und können auch nicht einfach losziehen und wahllos Verkehrssünder ausknipsen - oder Menschen."

Die Männer von der Dienstaufsicht sahen sich vielsagend an. "Gehen wir in Ihr Büro", meinten sie dann.

Weitere Katastrophenmeldungen trafen ein.

Drombusch war in die Bukowski-Grundschule hinüber getobt, wo er eine Biologielehrerin, die ein Plastikskelett vor sich herschob, wegen Mordverdachts durchs Schulhaus gescheucht hatte. Die Lehrerin flüchtete ins Chemiekabinett, wo ein Kollege seinen Schülern etwas über Verpuffungen beibrachte. Der Lehrer trug einen Vollbart, und Drombusch wollte die gesamte Klasse wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung festnehmen. Das war der Augenblick, in dem das SEK eintraf, um ihn zu stoppen.

Drombusch empfing die Elitepolizisten mit einem Schwall Schimpfworten und einem Hagel Tränengasgranaten. Die Schüler schlossen sich begeistert an und jagten dabei das Chemiekabinett in die Luft, was ein Notfallseelsorger später als jäh einsetzendes Stockholmsyndrom diagnostizierte, weshalb alle straffrei ausgingen und zwei Wochen schulfrei kriegten.

Drombusch entkam im allgemeinen Durcheinander und eilte, offenbar noch immer vom Terrorverdacht besessen, zur Imbissbude von Ali, dem Dönermann. Dort traf er auf Shalomeh Ahnedinichanoh, die iranische Frauenrechtlerin, die gerade Mittagspause machte. Sie war bekannt dafür, dass sie Haare nicht nur auf der Oberlippe, sondern auch auf den Zähnen hatte und wollte dem Wachtmeister eine gepfefferte Standpauke entgegenschmettern, doch Drombusch kam ihr mit einer Magnumdose Pfefferspray zuvor.

Dann zog er seine Dienstpistole, die mit mannstoppender Munition geladen war, sicher aber auch Shalomeh Ahnedinichanoh ausschalten konnte.

Keiner weiß, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn im selben Augenblick nicht Drombuschs Funkgerät geknistert hätte …

Im Revier waren die Beamten von der Dienstaufsicht aus dem Chefzimmer gerauscht. Der Revierleiter brachte sie zur Tür. Dann wandte er sich zufrieden grinsend an Kowalke: "Funk den Horst an und sag ihm, er kann wieder reinkommen. Wir kriegen die neuen Rechner."