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(86) Revier Reboot
Als es klingelte, zuckte der Revierleiter zusammen. Er erwartete die Mitglieder einer wütenden Elterninitiative zusammen mit ein paar klugscheißenden Rechtsanwälten, die sich über Drombusch beschweren wollten. Der Wachtmeister hatte einigen Schulkindern, die bei Rot über die Straße gerannt waren, ein dreimonatiges Laufverbot erteilt, weshalb die Eltern ihre Kinder jetzt mit dem Auto überallhin fahren mussten, sogar am Wandertag.
Doch es standen nur die Jungs vom Systemhaus draußen. Sie balancierten riesige Kartonstapel in den Armen und wollten hereinkommen, aber Drombusch trat ihnen mit gezückter Dienstpistole entgegen.
"Kehrt marsch! Und nehmt euer Fallobst gleich wieder mit." Der Wachtmeister jagte eine Kugel durch einen Karton, auf den ein angebissener Apfel gemalt war.
"Oh, mein Gott!", jammerte der Cheftechniker. "Das war ein nagelneuer Mac Pro!"
Zum Glück hatten sie noch jede Menge weitere Kisten in ihrem Lieferwagen, denn nach Drombuschs Amoklauf vor vier Wochen, der sich zweifelsfrei auf die veralteten Computer im Revier Tief-Ost zurückführen ließ, hatte das Innenministerium beschlossen, die Dienststelle zum Musterrevier aufzurüsten.
"Das heißt, ihr bekommt jetzt das Feinste vom Besten vom Allerneuesten", schwärmte der Techniker. "Apple-Computer mit Flatwidescreen-Displays, Wireless-USB, schnurlosen Keyboards und natürlich der berühmten Mighty Mouse mit vielen innovativen Funktionen."
"Davon habe ich zuhause eine ganze Sammlung", nickte Polizeianwärter Kowalke und erläuterte dem verwirrt blinzelnden Cheftechniker, dass sich die Comichefte in seinem Jugendzimmer bis unter die Decke stapelten, wo sie gleichzeitig die Funktion erfüllten, eine lose Tapetenbahn oben zu halten. "Ziemlich genial, was?", grinste Kowalke.
Die Techniker bauten die neuen Computer auf. Verdächtigerweise lief sofort alles tadellos. "Ihr habt Blu-Ray-Brenner, das heißt, sie arbeiten mit einem blauen Laser, und ihr habt Quadcore-Prozessoren, das sind …"
"Ich weiß, was das ist, unterbrach der Revierleiter den Cheftechniker ungeduldig. "Danke und auf Wiedersehen." Er komplimentierte die Jungs vom Systemhaus hinaus und verschwand dann in seinem Büro, um sich einen der Quadcore-Pornos reinzuziehen.
Auch die anderen Beamten nahmen vor ihren Rechnern Platz. "Ich frage mich, wieso sie die Laser in die Gehäuse eingebaut haben", meinte Kowalke. "Da kann man sie doch nicht halb so schnell ziehen aus dem Gürtelholster."
POM Schröder, der Revier-Oldie, stöhnte. Die neuen Computer arbeiteten viel zu schnell. Er war es gewohnt, ein Symbol anzuklicken und dann, während das Programm startete, aufs Klo zu gehen und einen Gartenkatalog zu studieren. Jetzt öffnete sich das Programm schneller als er vom Drehstuhl hochkam. Der Begriff Computersitzung bekam mit einem Mal eine völlig neue Bedeutung.
Drombusch war ebenfalls unzufrieden. Sein neuer Monitor war entspiegelt, was bedeutete, dass er sich nach der Nachtschicht nicht mehr rasieren konnte, es sei denn, er riskierte einen unfreiwilligen Suizid.
Und dann war da noch dieses blöde Wireless USB. Zur neuen Ausrüstung gehörten mobile Bußgeldtatbestandserfassungsgeräte, die ihre Daten an die Computer übermittelten, sobald die Beamten das Revier betraten. Das ging fix, aber Drombusch vermisste das raue Gefühl der auf Recyclingpapier gedruckten Strafzettelblöcke in seiner schwieligen Hand und den Geruch frischer Stempelfarbe. Außerdem konnte er die Bußgelder nun nicht mehr nachträglich nach oben korrigieren. Ihre Höhe errechnete sich allein aus den Programmroutinen der neuen Bußgeldsoftware. Drombusch fand das alte System, das sich an seinen Stimmungsschwankungen orientiert hatte, wesentlich schlüssiger.
Immerhin war die neue kabellose Maus recht nützlich. Falls Kowalke Blödsinn verzapfte, konnte Drombusch sie jetzt auch aus großer Entfernung nach ihm werfen.
Erstmals besaßen sie eine schnelle Internetverbindung mit Uplink zu einem Spionagesatelliten, der ihnen via GoogleEarth in Echtzeit die Position der üblichen Verdächtigen in der Region Tief-Ost übermittelte. Sie wussten immer, wo sich der Kaffeekassenknacker Schlieder, der sibirische Mafiaboss Igor Datschenko oder Bodo Kotzlowski von den Glatzen Ost befanden. Die Jagd machte überhaupt keinen Spaß mehr. Wurde die Tat von einem Unbekannten begangen, konnten sie auch nicht mehr Ali den Dönermann ersatzweise festnehmen, weil er praktisch über ein satellitengestütztes Alibi verfügte.
Die einzige Konstante in ihrem Leben war das Ehepaar Max und Elvira Mustermann, das noch immer in den meisten Formularen stand. Offenbar war das Verbrecherpärchen sieben Jahre, nachdem sie ihre ersten Computer bekommen hatten, noch immer nicht gefasst worden.
"Da kann man mal sehen, dass dieser ganze Technikmist zu nichts nutze ist", knurrte Drombusch.
Der Revierleiter musste ihm Recht geben, denn selbst der Quadcore-Film war eine Enttäuschung gewesen. "Die labern da die ganze bloß über die Bedienung des Computers. Wie sicher er ist, und dass Spyware, Malware, Trojaner oder Romulaner bei einem Mac kein Grund zur Sorge sind. Selbst Cookies seien unproblematisch. Keine Ahnung, was das nun wieder bedeutet."
Der experimentierfreudige Polizeianwärter Kowalke fand bald heraus, worum es ging. Wenn man die Seitenklappe eines Macs öffnete und zwischen die sichtbar werdenden Platinen einen altbackenen Keks steckte, dauerte es nicht lange, bis der herrliche Duft nach Geröstetem durchs Revier zog und der Keks wieder ganz knusprig war. Es funktionierte auch mit Weißbrot, Schnitzel und Backcamembert. Selbst Drombusch musste einräumen, dass die Toastfunktion ihrer Macs so übel nicht war.
Nervig war bloß der Schreibkram, mit dem sie nach jeder Mahlzeit einen neuen Rechner anfordern mussten. Denn selbst ein so sagenhaftes Gerät wie der Mac hatte nicht für mehr als einen Röstvorgang pro Stück drauf.
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