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(87) Gaunerschwemme
Der Kaffeekassenknacker Schlieder startete seinen Angriff auf das Revier Tief-Ost zur Wolfsstunde. So wurde die Zeitspanne zwischen Nacht und Morgengrauen genannt, in der Hauseigentümer, Pförtner und sogar somnambule alte Fensterhockerinnen am festesten schliefen. Schlieder verdankte einige der lichtesten Momente seiner Verbrecherkarriere der Wolfsstunde.
Was hat diese Zeit eigentlich mit Wölfen zu tun, überlegte er, während er seinen Dietrich in die Klofensterverriegelung des Reviergebäudes schob. Die Frage erübrigte sich, als hinter der Scheibe eine zähnefletschende Visage mit gefährlich glitzernden Augen zum Vorschein kam.
Scheiße, dachte Schlieder, warum hat man es nicht Drombuschs Stunde genannt?
Der Wachtmeister riss das Fenster auf, den Dietrich aus Schlieders Hand und den Kaffeekassenknacker mit einem Ruck nach drinnen. Er stopfte den Dietrich in eine Beweismitteltüte und Schlieders Kopf in eine Kloschüssel. Er ließ erst die Brille, dann sein gesamtes Dienstgewicht auf den glücklosen Einbrecher fallen und schnaufte befriedigt.
Der fünfte Spitzbube in vier Tagen! Bessere Quoten erreichte nicht mal der Mossad auf den Golanhöhen. Und das Beste: Die Gauner hatten sich praktisch alle selbst gestellt. Drombusch konnte sich nicht erinnern, wann es jemals so gut gelaufen war. Eigentlich nie.
Erst seitdem sie diese neuen Computer aus Schottland hatten, diese Macintoffees oder so ähnlich, kamen die Verbrecher freiwillig aufs Revier. Zwar hatte der Polizeipräsident angekündigt, dass die neue Technik ihre Arbeit beschleunigen würde, aber dass sie die Rechner dazu nicht einmal einschalten mussten, hatte er nicht gesagt. Da kam ihr altes 286er System mit Windows 0.815 nicht einmal im Dauerbetrieb mit.
"Dallarf ichll jelltzt inlleine Zelle?" blubberte Schlieder aus der Kloschüssel.
"Geht nicht", brummte Drombusch, "die sind alle besetzt."
"Bellselltzt?"
"Volloll, wenn du so willst."
Als Erstes war Wjatscheslaw Dolonski aufgekreuzt, der polnische Brieftaschenschlitzer. Er hatte sich eines Abends mit einer gestohlenen Buchclubkarte am Schloss der Revierpforte zu schaffen gemacht und war k.o. geschlagen worden, als POM Schröder die Tür aufstieß, weil er glaubte, seine Frau Irma stünde mit dem Abendbrot draußen.
Als Nächstes hatte sich Ivo Stehlic, der exjugoslawische Trickbetrüger gestellt. Um einen Rest Würde zu wahren, hatte er es wie ein Enkeltrickmanöver aussehen lassen, aber darauf war Polizeianwärter Kowalke, der an jenem Morgen Dienst tat, nicht hereingefallen. Nicht einmal Kowalke war so einfältig zu glauben, er werde jemals Enkel haben.
Am dritten Tag wollte Semtex-Vaclav, der tschechische Explosionsverbrecher, ein Loch in die Revierwand sprengen, war dabei jedoch Drombusch in die Arme gelaufen, der gerade an ein paar seiner Anti-Graffiti-Taktiken feilte. Der Wachtmeiser knallte Vaclav solange gegen die Mauer, bis dessen Gesicht eine bleibende Signatur im Putz hinterließ. Darauf standen die Sprayertypen. Danach sperrte er Vaclav weg.
Mittlerweile war dem Revierleiter klargeworden, dass die Übergriffe auf ihre Dienststelle kein Zufall waren. Als Ali, der Dönermann, an der Tür Sturm läutete, landete er augenblicklich hinter Schloss, Riegel und Starkstromsicherung, wenngleich er beteuerte, nur den Döner zu liefern, den Polizeianwärter Kowalke eine halbe Stunde zuvor telefonisch geordert hatte.
Kowalke bestätigte Alis Version, aber Drombusch vermutete, dass der Dönermann den Polizeianwärter die Bestellung irgendwie suggeriert hatte, um in die Nähe der neuen Macs zu gelangen. Als Kowalke erklärte, Ali habe ihn tatsächlich beschwatzt, doppelt Knoblauchsoße zu nehmen, war auch das geklärt und die letzte Zelle vergeben.
"Ullnd woll solloll ichll hilln?", gluckste Schlieder aus der Toilettenschüssel.
"Du musst da drin bleiben", brummte Drombusch und klemmte ein Vierkantholz unter die Klotürklinke.
Dann ging er in die Dienststube, wo die anderen Beamten auf den Angriff der sibirischen Mafia warteten. "Früher oder später werden auch die Mafiatypen versuchen, unsere neuen Rechner zu klauen", hatte der Revierleiter tags zuvor strumpfhalterscharf kombiniert. "Was schlagt ihr vor?"
"Sie mit ihren eigenen Waffen schlagen", hatte Drombusch vorgeschlagen.
Deshalb stand seit gestern Abend vor dem Revier ein Pappkarton, der außen einen angebissenen Apfel zeigte und innen mit allem gefüllt war, was die Beamten jüngst erbeutet hatten: Semtexwürste, kleingehäckselte Kreditkarten, ein exjugoslawisches Schmetterlingsmesser sowie ein steinhartes Fladenbrot mit ganz viel Knoblauchgestank. Nun kam noch ein zum Widerhaken gebogener Dietrich hinzu.
Gegen Mittag schnappte die Falle zu, beziehungsweise flog der Karton auseinander. Als sie nachschauten, lag Eddie Raffke vor der Tür, der GEZ-Fahnder, der seit Jahren zu beweisen versuchte, dass im Revier Internetfernsehen geguckt wurde. Er hatte ein Dutzend Plastiksplitter in der Brust, ein Stilett im Schritt und Knoblauchsoße im Auge und stank nach angekokelten Anmeldeformularen.
"Ich hab immer gewusst, dass der Kerl zur Mafia gehört", knurrte Drombusch zufrieden.
Die Originalfassung der Geschichte, die Sie hier lesen können, unterscheidet sich um einiges von der in der Freien Presse abgedruckten Version. Der Grund dafür waren aus diesmal Platzgründe. Die Story zählt zwar nicht zu den längsten der Serie, war aber dennoch doppelt so lang wie das, was in die Zeitungsspalte passte. Durch einfaches Kürzen war in diesem Fall aber nichts zu retten. Deshalb musste die Geschichte für die Veröffentlichung umgestellt und mit einem anderen Ende versehen werden. Die Falle, die die Beamten für die sibirische Mafia stellen und in die Eddie Raffke zum Schluss tappt, fehlte in der Zeitungsfassung völlig. Dafür wanderte die Erkenntnis, dass die Gauner offenbar alle hinter den neuen Macs des Reviers her sind, als Pointe an den Schluss.
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