REVIER TIEF-OST

(88) Speak kundisch



Als im Revier Tief-Ost wieder einmal der Kaffee alle war, beschloss der Revierleiter zu handeln. Sie mussten den Mann in Zelle Nummer vier loswerden! Es war einer der Jungs vom Systemhaus. Vor anderthalb Jahren hatten sie ihn in Vorbeugehaft genommen, um immer einen Techniker zu Hand zu haben, wenn die Computer kaputtgingen. Seit nunmehr drei Monaten verfügten sie jedoch über nagelneue Macs, und der Kerl war nicht mehr als ein überflüssiger Mittrinker, ungefähr so wie POM Schröder, nur dass sie den nicht loswurden, weil er verbeamtet war.

"Schafft ihn mir endlich aus den Augen", brummte der Revierleiter genervt.

Während Polizeianwärter Kowalke frische Luxusröstung kaufen ging, schloss Wachtmeister Drombusch die Zelle auf und zog den Techniker am Kittel hinter sich her wie einen Esel, der ausgedient hatte.

"Bitte nicht liquidieren", flehte der Mann, aber Drombusch wollte mit ihm gar nicht zum Baggersee, sondern brachte ihn heim ins Systemhaus. Der Wachtmeister vergewisserte sich sogar, dass der Techniker seinen Kreuzschlitzschraubendreher senkrecht in der Brusttasche stecken hatte und dass sein Bereitschaftstelefon, das ihm gut sichtbar über dem Arsch hing, voll aufgeladen war.

"Bitte sehr", sagte Drombusch. "Einmal Mensch und Material vollständig zurück. Eine Quittung, wenn ich bitten darf."

Die Jungs vom Systemhaus saßen alle hinter ihren Schreibtischen und telefonierten angestrengt. Es ging zu wie im Lagezentrum der Polizei, wenn jemand anrief und behauptete, Andreas Baader sei wieder unterwegs und habe sich mit Stalin und Osama bin Laden hinter dem Begegnungszentrum in der Kreisstadt getroffen.

Drombusch musste warten. Er bemerkte recht schnell, dass die Systemhaus-Mitarbeiter Kundengespräche führten.

"Wie bitte, die Tastaturbeschriftung Ihres Laptops löst sich auf? Sie haben das Gerät doch nicht etwa zum Schreiben benutzt? Dann kann ich Ihnen nicht helfen. Das war nämlich ein Ausstellungsstück, und wie der Name schon andeutet …" Einer der Techniker schüttelte den Kopf. Oh, diese Kunden! Was dachten die sich?

Sein Nebenmann plärrte in den Hörer: "Was? Windows stürzt unaufhörlich ab? Nein, das ist kein Reklamationsgrund, sondern eine Programmroutine, vollkommen normal!"

Drombusch nickte wissend. Das hatte ihr persönlicher Techniker auch immer gesagt. "Raten Sie dem Anrufer, er soll es mit einem Neustart probieren", raunte er dem Kundenberater zu. Fast kam er sich schon selbst wie ein IT-Spezialist vor.

Nachdem er eine Weile zugehört hatte, musste Drombusch allerdings einräumen, dass ihm noch einiges fehlte. Die Jungs vom Systemhaus kannten Problemlösungen, auf die sonst keiner kam.

Zum Beispiel der Kunde, dessen System ständig zusammenbrach, nachdem sie in seinen Pentium-II-Rechner eine Riesengrafikkarte samt Kühlwasserturbine und stroboskopischer Gehäusehintergrundillumination eingebaut hatten. Drombusch an ihrer Stelle hätte sicher ein halbes Dutzend Mal "Wiederholen Sie das!" gesagt und dann spontan aufgelegt. Nicht so der erfahrene Kundenberater. Der zuckte nur kurz mit der Wimper und erklärte in salbungsvoller Kompetenz: "Tut mir Leid, stärkere Trafos sind zurzeit nicht am Lager. Aber einen Dynamo hätten wir noch da. Wenn Sie sich dazu einen Hamster mit Rad kaufen …"

Drombusch war echt beeindruckt. Die Typen legten es nicht darauf an, nur ihr eigenes Zeug zu verkaufen. Sie verschwiegen die Alternativen nicht. Sie verhielten sich höchst professionell und waren wahre Kundenfreunde.

"Was sagen Sie", rief gerade einer der Techniker in den Hörer. "Ihr Monitor ist explodiert?"

Drombusch versuchte zu erraten, was der Mann als Nächstes sagen würde. Er lag weit daneben.

"Ja, wissen Sie, die Geräte, die wir aus China importieren, besitzen eine Reihe undokumentierter Zusatzfeatures. Man kann sie als Störsender, Bräunungslampe oder eben als Sprengfalle benutzen. Aber keine Sorge, dafür berechnen wir Ihnen nichts extra."

In der Mittagspause bekam Drombusch seine Quittung und hatte eine ganze Menge dazugelernt. Er ahnte jetzt, was der Revierleiter meinte, wenn er behauptete, er - Drombusch - weise gewisse Defizite im Umgang mit dem Bürger auf.

Auf dem Rückweg schaute er daher bei Ali, dem Dönermann, vorbei. Er hämmerte wie immer mit der Faust gegen die Dönerbude. Als Ali sich - ebenfalls wie immer - hinter die Friteuse duckte, sagte Drombusch mit sonorer Stimme: "Nicht erschrecken, mein Freund. Ich wollte dir bloß unser Wecksignal vorstellen, einen freundlichen Service deiner örtlichen Polizeidienststelle. Eigentlich bin ich gekommen, um dir zu versichern, dass du die Fotos, die wir neulich von dir gemacht haben, als du wieder einmal unter Terrorverdacht standest, nicht bezahlen musst. Wie hat dir übrigens die Stempelfarbe gefallen, mit der wir deine Finger lustig schwarz gefärbt haben? Gehört alles zum Service. Ach ja, der Schlagstock, der mir an deinem Kopf kaputtgegangen ist, geht aufs Haus. Und wo ich schon einmal hier bin, nehme ich gleich einen Chickendöner mit und helfe dir herauszufinden, ob da Salmonellen drin sind. Risikoverkostungen sind eine Dienstleistung, die wir ganz neu entwickelt haben, damit unsere Gastronomen sich sicher fühlen können. Serve and Protect, mein Freund, Servieren und Protegieren!"





Der Techniker saß tatsächlich seit Monaten im Revier fest (siehe Folge 71 - "Coldline"), passte seitdem aber nie in eine der Geschichten hinein. Deshalb war es an der Zeit, ihn wieder nach Hause zu schreiben.