REVIER TIEF-OST

(89) Der Code



Polizeianwärter Detlef Kowalke stand unter lebensbedrohlichem Stress. Wie damals, Ende der achten Klasse, als er sich für die entscheidende Klassenarbeit einen Spickzettel unter die Zunge geschoben hatte, der sich, völlig rätselhaft, in süßen Brei verwandelte. Nur war es diesmal schlimmer. Eher wie neulich, als er dem berüchtigten sibirischen Totschläger Igor Brutallsky keine Bewegung! zugerufen hatte, dieser dann aber jählings die Arme hochriss. Ungefähr so, bloß wesentlich schrecklicher.

Die Sache war die: Kowalke musste sich dringend in diese Datenbank einloggen, um Wachtmeister Drombusch, dem Revierleiter und dem Polizeipräsidenten zu beweisen, dass er sich nicht irrte. Es handelte sich zwar um die wichtigste Datenbank, über welche die sächsische Polizei verfügte, aber die Beamten erhielten viel zu selten die Chance, sie zu benutzen. Und nun saß Kowalke vor dem Rechner und wusste sein Passwort nicht mehr.

Seit Tagen probierte er jeden Zugangscode, der ihm halbwegs logisch erschien, also Begriffe wie Code Red, Barcode oder Cody Allen, der lässige Typ aus Trio mit vier Fäusten, der einer von Kowalkes Helden war. Vor vielen Jahren waren Kowalkes Bewerbungsschreiben an das Trio ungeöffnet zurückgekommen, und heute blieb ihm der Zugang zur Datenbank verwehrt.

Er versuchte es mit Detlef 1, Detlef 2, Detlef 3, bis er nach 99 Detleffen, seinen eigenen Namen nicht mehr leiden konnte, und ihm aufging, woran es lag, dass er keine Freunde hatte.

"Vielleicht hast du den Namen deiner Freundin benutzt?", meinte POM Schröder. Der alte Polizist war der einzige, der den Polizeianwärter unterstützte. Auch er fand, dass sie die Datenbank häufiger benutzen mussten.

Doch eine Freundin hatte Kowalke ebenfalls nicht. Nur einen Stapel alter Hochglanzhefte, der mittlerweile nur noch hoch war, aber nicht mehr glänzte. Er tippte Jenna ein und Ginger und Cherry, sogar Teresa, obwohl die älter war als jedes Passwort, das je für einen Computer geschrieben wurde. Natürlich ohne Erfolg. Dann probierte er noch etwas anderes aus.

"Wer ist Dolores?", wollte POM Schröder wissen.

"Ähm - meine Maus."

"Gute Idee. Ich habe gehört, dass viele Kollegen den Namen ihres Haustieres als Passwort verwenden."

Kowalke wurde rot, denn Dolores war 1,65 Meter groß, anatomisch korrekt proportioniert und hatte ein Ventil im Bauchnabel, aber das brauchte keiner zu wissen.

Drombusch kam vorbei. "Gib auf, Kleiner. Der Fall liegt nicht so, wie du behauptest."

Doch damit weckte er bloß Kowalkes Trotz. Der Polizeianwärter erinnerte sich dran, dass er vor einigen Monaten an einem unglaublich raffinierten Zahlencode gebastelt hatte, den nicht mal Rudi der Rollstuhlfahrer würde knacken können, obwohl der ein begnadeter Hacker und außerdem Invalidenrentner war, was ihm alle Zeit der Welt verschaffte.

Wie lautete der Code gleich noch mal? 1, 2, 3, 4, 5, 6 …
Ihm wollte aber beim besten Willen nicht mehr einfallen, wie es weiterging. Na egal, er hatte das Ding ohnehin noch nicht fertig ausgearbeitet. Es war bloß eine Fingerübung gewesen, zum Abschluss eines Lehrgangs mit Polizeionlinekommissar (POK) Wolsky, der den Beamten ein paar Grundlagen der Computersicherheit eintrichtern wollte. Es war auch eine Regel zu Passwörtern dabei gewesen, die der POK heruntergeleiert hatte als wäre er eine fragmentierte Festplatte.

Denken Sie an einen Satz, der in Ihrem Leben eine entscheidende Rolle spielt und nehmen Sie die Anfangsbuchstaben aller Wörter.

Drombuschs Bass riss ihn aus seinen Überlegungen. "Wird's bald, Kowalke, oder muss ich erst zum Elch werden?"

Der Wachtmeister stand in der Tür, das Koppel mit Strafzettelblöcken und Reservemagazinen behangen, und wollte zur Nachtstreife ausrücken.

Kowalke stöhnte. Schon wieder! Aber dann durchzuckte ihn ein Gedanke wie ein Stromstoß von Drombuschs Elektroschocker. Er tippte hastig: WbKomiezEw.

Und das war's. Er war drin! Endlich konnte er die gesuchten Daten abrufen - den Urlaubsplan des Reviers Tief-Ost!

Grollend näherte sich Drombusch, aber Kowalke hielt ihm den Ausdruck unter die Nase wie einen Amnestieerlass. "Hier steht's. Ich habe Urlaub! Vom 17. bis 31. August!"

Sein Triumph währte jedoch kürzer als ein Blitz von der Radarfalle ins Gesicht des Autofahrers brauchte.

Heute war bereits der 2. September. Er hatte zu lange nach dem Passwort gesucht. Verfluchter Mist!

POM Schröder tröstete ihn: "Lass mal, ich glaube, fast alle jungen Leute verbringen ihren Urlaub heutzutage vor dem Rechner."

"WbKomiezEw!", brüllte Drombusch.