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(90) Die Ermittlung
Als die Computer im Revier Tief-Ost den Namen Illobrand S. Morbus ausspuckten, stahl sich ein Lächeln in Wachtmeister Drombuschs Gesicht. Wer nicht wusste, dass der massige Beamte niemals Freude empfand, hätte es für eine Vorstufe davon halten können, für Vorfreude.
Illobrand S. Morbus war ein Zugezogener aus dem Westen. Er hatte ein Energiesparhaus mit einem ressourcenschonenden Carport aus verleimten Holzhäckseln gebaut, mit Rollrasen aus Recyclingplast und einer Geothermieanlage im Garten, die, so wie Drombusch es verstanden hatte, dem Land die Kraft aussog. Von einem Wessi hatte er nichts anderes erwartet. Illobrand S. Morbus war in seinen Augen so verdächtig wie ein rumänischer Migrant mit nichts als drei Nussschalen in der Tasche.
"Wofür steht eigentlich das S in seinem Namen", hatte Polizeianwärter Kowalke gefragt.
"S wie Schuldig", knurrte der Wachtmeister.
"Schreibt man das nicht mit Sch wie Schule?"
Drombusch hatte Kowalke angestarrt als frage er sich, woher dieser ein Wort wie Schule kannte.
Er hatte Illobrand S. Morbus bisher nichts nachweisen können, aber seit das Revier über neue Macs verfügte, waren sie in der Lage, Datenbanken miteinander zu verknüpfen, die sie mit ihren alten Rechnern nicht einmal hochfahren konnten. Drombusch wusste nicht, was genau Kowalke getan hatte, aber plötzlich leuchtete der Name Illobrand S. Morbus auf dem Flachbildschirm, und das genügte ihm vollkommen. Der Kerl war schuldig. Sie mussten nur noch ein paar Beweise heranschaffen.
Diese Phase der Ermittlungen gestaltete sich schwieriger, weil das Ministerium jeden verfügbaren Euro in die Rechentechnik und keinen einzigen Cent in zeitgemäßes Überwachungsequipment gesteckt hatte.
"So etwas hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben", maulte POM Schröder, der Ex-ABV verdrießlich.
Drombusch zuckte mit den Schultern. Da würden sie eben improvisieren müssen, wie es gelernt hatten.
Als erstes schleuste er Polizeianwärter Kowalke in den Kofferraum des Verdächtigen, um ein detailliertes Bewegungsprofil zu erstellen. Der Beobachtete sei in rascher Folge rechts und links abgebogen, habe jeden erdenklichen Kreisverkehr benutzt und sein Auto schließlich auf einem Parkplatz abgestellt, der über ganztägige Sonneneinstrahlung verfüge, berichtete Kowalke und wies als Beleg drei frisch befüllte Brechtüten vor.
Das war aufschlussreich, brachte sie aber kaum weiter. Drombusch beschloss, die Wohnung des Delinquenten zu verwanzen, doch weil sie keine Wanzen hatten, mussten sie auf Marienkäfer zurückgreifen, von denen es in diesem Jahr Unmengen gab. Sie schütteten sie tütenweise durch das gekippte Fenster von Illobrand S. Morbus‘ Haus, ohne dass je ein Käfer, geschweige denn etwas Vorzeigbares dabei herauskam.
"Er muss sie alle getötet haben", grunzte Drombusch und ordnete visuelle Wohnraumüberwachung an.
Dafür wurden normalerweise feinste Teleskopfiberoptiken benötigt, die dem Revier jedoch nicht zur Verfügung standen. Kowalke hatte die Idee, sich alternativ in die Webcam des Verdächtigen zu hacken, doch weil nicht einmal der Revierleiter wusste, wie man das machte, hackte Drombusch stattdessen ein Loch in den mit schwarzen, glasartigen Platten verkleideten Giebel des Hauses und schob ein altes Feldherrenteleskop hinein, das sie auf einem Nacktflohmarkt beschlagnahmt hatten, angeblich, um präventiv gegen Spanner vorzugehen.
Drombusch spähte durch die Linse und wäre fast vom Dach gefallen. Im Innern des Hauses entdeckte er einen Schwarm Marienkäfer, der auf einem Aktenvernichter von McPappe saß, aus dem ein Büschel Papiergirlanden quoll.
Illobrand S. Morbus war nicht zuhause, und so holte Drombusch einen Dietrich von der Größe eines Schürhakens aus dem Dienst-Kfz, hebelte die Haustür auf und griff nach dem Shredder.
Zurück im Revier ließ er die Papierstreifen auf Kowalkes Schreibtisch rieseln und befahl ihm, das Material unter Zuhilfenahme einer Rolle Gänsehautband zu rekonstruieren.
Kowalke hatte gerade erst angefangen, nach dem Klebeband zu suchen, als Illobrand S. Morbus zur Revierpforte hereinstürmte. Entgegen Drombuschs spontaner Vermutung wollte er sich nicht stellen.
"Meine Herren! Vor vier Monaten habe ich ihr neues Online-Anzeigenformular benutzt, um zu melden, dass ein paar jugendliche Rowdys, die sich die Glatzen Ost schimpfen, Steine auf mein Solardach geworfen haben. Es ist bis heute niemand vorbeigekommen, um die Ermittlungen aufzunehmen."
Wie sich herausstellte, war Illobrand S. Morbus, Inhaber der Professur Zukunftsforschung an der Uni und arbeitete an einer Langzeitstudie über die Verlängerung der Lebensdauer des Planeten Erde durch den Einsatz hochautarker Niedrigenergiehäuser. Er war außer sich.
"Während Sie nichts unternommen haben, wurde der Kofferraum meines Wagens verunreinigt, mein Haus mit Ungeziefer überschwemmt und mein Solardach durchlöchert. Bei mir wurde eingebrochen und ein hochwertiges Bürogerät entwendet …"
Sein Blick fiel auf den Aktenshredder und die Papierschnipsel auf Kowalkes Schreibtisch. Dem Polizeianwärter klappte der Unterkiefer herunter, der Revierleiter runzelte die Stirn, POM Schröder stellte sich schlafend. Nur Drombusch bewies, welch geistesgegenwärtiger Polizist er war.
"Wie Sie sehen, arbeiten wir bereits daran", knurrte er.
Wenn Illobrand S. Morbus nur deshalb im Computer war, weil er eine Anzeige aufgegeben hatte, mussten sie sich eben fürs Erste an die Glatzen halten. Wenigstens hatten sie schon eine Menge gegen die Kerle in der Hand.
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