REVIER TIEF-OST

(91) Online-Revier



Es kam selten vor, dass den Revierleiter etwas nervte, aber heute war definitiv solch ein Tag. Es hatte damit begonnen, dass im gesamten Revier keine saubere Kaffeetasse mehr aufzutreiben war, weil er vergessen hatte, den neuen Monatsplan fürs Flur- und Geschirrreinigen aufzustellen. Dann hatte ihn der Computer beim Schiffeversenken betrogen, und er war gerade am Überlegen, wie lange sich ein Ermittlungsverfahren gegen die Softwarefirma hinziehen würde, als das Telefon klingelte und er sich einen Rüffel durch den Polizeipräsidenten persönlich einfing.

Der oberste Landespolizist verlangte zu erfahren, wann, bitteschön, die geschätzten Kollegen vom Revier Tief-Ost endlich damit anfingen, ihre Online-Anzeigen zu bearbeiten. Dabei betonte er das Wörtchen geschätzt irgendwie komisch, sodass der Revierleiter argwöhnte, der Chef wolle ihm eine codierte Botschaft übermitteln. Jetzt war er tatsächlich genervt, denn ohne Kaffee konnte er nicht richtig darüber nachdenken.

"Lesen Sie eigentlich Ihre Emails?", wetterte der Polizeipräsident.

"Selbstverständlich", entgegnete der Revierleiter indigniert, und nach dem Telefonat fing er auch sofort damit an.

Er musste fünf Monate zurückgehen, ehe er es fand. Augenblicklich trommelte er seine Männer zusammen. "Hier steht, wir sind seit kurzem ein Online-Revier. Weiß jemand, was das ist?"

Polizeianwärter Kowalke erbleichte. Daheim auf seinem Küchentisch hatte er drei Rechnerzeitschriften liegen, darunter Computer-BLÖD und PC no go, was ihn zum IT-Spezialisten des Reviers machte. "Es bedeutet, dass es uns nur noch im Internet gibt. Vermutlich wurden wir alle dagitilisiert."

"Bagatellisiert?" Der Revierleiter hob eine Braue.

"Ja, wir bestehen jetzt aus lauter Nullen und Einsen", erklärte Kowalke mit bebender Stimme.

Drombusch funkelte ihn an. "Ich sehe hier nur eine Null."

Kowalke achtete nicht auf den Einwand. "Wahrscheinlich wurden wir schon vor Wochen auf wulstige Polsterliegen geschnallt, man hat unsere Köpfe angebohrt und uns Kabel ins Gehirn gesteckt. Der Revierbetrieb wird bloß noch durch unsere Hirnwellenmuster aufrecht erhalten."

POM Schröder schüttelte ungläubig den Kopf. "Wenn wir liegen würden, täte mein schlimmer Rücken nicht so weh."

Der Revierleiter kam jedoch zu dem Schluss, dass Kowalkes Überlegungen Sinn machten. Falls sie die ganze Zeit über nur dalagen, sparte das Innenministerium einen Haufen Geld. Sie benötigten kein Benzin für ihr Dienst-Kfz, ganz zu schweigen von Verbrauchsmaterialien wie Waffenöl, Taschenlampenbatterien und Drombuschs Strafzettelblöcken. Ein Blick auf die knapp sitzende Uniform des Wachtmeisters sagte ihm, dass das Ministerium seit zwei oder drei Monaten keine neue Bekleidung mehr ausgegeben hatte, obwohl Drombuschs Bauch den quartalsmäßigen Wachstumsschub aufwies.

"Das kommt von dem Schleimbrei, den sie uns durch geriffelte Plastikschläuche direkt in den Magen pumpen", erläuterte Kowalke. "Das Zeug besteht zu 100 Prozent aus Kalorien. Irgendwann wiegen wir eine Tonne, und sie können auch noch die Fesseln einsparen, mit denen sie uns an die Liegen geschnallt haben."

Beim Thema Ernährung fiel Drombusch auf, dass er hungrig war.

"Eine künstlich implemontierte Erinnerung", befand Kowalke, und weil der Polizeianwärter heute so viele komplizierte Wörter benutzte, fing auch Drombusch zu glauben an, dass etwas Seltsames mit ihnen vor sich ging.

Auf dem Weg zu Alis Imbissbude kam Kowalke aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Absolut geile Grafik." Er wies auf die Umgebung, die bis auf das letzte Schlagloch stimmig war. "Die haben alles astrein eingescannt."

Drombusch nahm die Bärlauchpizza mit Thunfisch und Knoblauchsoße, weil es in ihrer Situation darauf nun auch nicht mehr ankam.

"Weißt du, dass sie dich gerendert haben?", hörte er Kowalke zu Ali sagen.

Dieser blinzelte erst verwirrt, nickte dann aber: "Natürlich, deswegen ich bin aus meine Land fort."

Ihr Funkgerät knisterte. Der Revierleiter hatte inzwischen die Online-Anzeigen durchgesehen und herausgefunden, dass der dorfbekannte Kaffeekassenknacker Schlieder vor anderthalb Monaten aus Pfarrer Müllers Kirchenschiff die Spendenbox der alljährlichen Aktion Kirmeskuchen für Afrika gestohlen hatte.

"Wenn es uns nur noch im Internet gibt, wie sollen wir Schlieder da verhaften?", wollte Drombusch auf dem Weg zur Gartenlaube des Kaffeekassenknackers wissen.

"Ich denke, wir müssen ihn mit der Kraft unserer Gedanken niederringen", meinte Kowalke.

Sie versuchten erst gar nicht, Schlieders Laubentür einzutreten, sondern riefen einfach.

Überrumpelt vom unorthodoxen Vorgehen der örtlichen Polizeimacht, öffnete der Kaffeekassenknacker. "Oh."

Drombusch versuchte, sich auf die Festnahme zu konzentrieren, atmete tief ein und wieder aus, woraufhin Schlieder die Nase rümpfte, die Augen verdrehte und dann ansatzlos in sich zusammenfiel wie ein Reissack ohne Reis.

"Auweia, Wachtmeister, jetzt haben Sie ihn von der Festplatte gelöscht", meinte Kowalke. "In ein paar Sekunden löst er sich vermutlich spurlos auf."

Drombusch grunzte beeindruckt. Es war gar nicht so übel, ein Online-Polizist zu sein.