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(92) Weihnachts-Taktik
Die Region Tief-Ost erstickte im Schnee wie ein gieriger Karpfen an einer Rolle Angelschnur. Viele Leute hatten sich weiße Weihnachten gewünscht, aber so weiß nun auch wieder nicht. In den Straßengräben stapelten sich Autos ohne Winterreifen, die Zahl der Schneeschippendiebstähle hatte sich von null auf hundert vervielfacht, und die Insassen des Kindergartens Pustekuchen hatten einen Schneemann modelliert, der wie ein Mahnmal für Wachtmeister Drombuschs Gewichtsprobleme anmutete.
Der massige Polizist hatte dennoch gute Laune, denn es war ihm gelungen, Manni und Karli, die Schneepflugfahrer des kommunalen Bauhofs wegen Überschreitung der Lenkzeiten festzunageln.
Dann schneite Kriminalmeisterin Margitta Mehlhorn ins Revier und hauchte Eisblumen in die Dienststube: "Die Mafia steckt hinter allem!"
Der Revierleiter wirkte erleichtert. "Fein, ich hatte schon befürchtet, dass der Klimawandel für den Osten abgeblasen wurde."
Die sibirische Mafia war der bedeutendste Schneeschieber östlich des Matterhorns und belieferte die Hälfte aller deprosperierenden Skigebiete mit kalter Ware aus der russischen Permafrostregion. Den Ermittlungen der blonden Kriminalistin zufolge war im Herbst jedoch eine neue Generation Schneekanonen auf den Markt gekommen, der Schneedeal der Sibirier war geplatzt, und Igor Datschenko, der Juniorpate der Mafia, hatte die komplette Lieferung in der Landschaft entsorgt. Es war der größte Schneefund in Tief-Ost seit dem Ende der Zwischeneiszeit.
Margitta Mehlhorn wollte den Paten wegen illegaler Beschneiung drankriegen, brauchte jedoch Beweise, am besten eine Festplatte voll. In einem Computer gab es schließlich immer Beweise. Aber Datschenko hatte sie ohne Durchsuchungsbefehl nicht in seine Datscha gelassen.
Margitta Mehlhorn rümpfte ihre halberfrorene Stupsnase, die aussah wie ein Eiszapfen von Fürst Pückler. "Er hat gesagt, dazu müssten Weihnachten und Neujahr auf einen Tag fallen. Habt ihr eine Idee, wie wir an einen Durchsuchungsbefehl rankommen?"
Der Revierleiter dachte angestrengt nach. Dann sagte er: "Horst."
"Befehl?", knurrte Drombusch. "Brauchen wir nicht. Es ist Weihnachten."
Igor Datschenko und seine Handlanger saßen in ihrer Datscha, dem Wochenendhauptquartier der Mafia, tranken Wodka aus Tausend-Gramm-Bechern, ärgerten sich über den geplatzten Schneedeal und überlegten, welche neuen Geschäftsfelder sie künftig erschließen konnten. Ein Pornografiezentrum vielleicht oder eine Schwarzbrennerei für Kampfsportfilme und poppiges Liedgut. "Was müssen wir tun, um unsere Stolitschnaja-Destille auf die Produktion von DVDs umzustellen?", fragte Datschenko gerade, als es im Schornstein polterte und ein schlaksiger Kerl in roter Uniform aus dem Kamin sprang.
Mein Name ist Klaus, Santa Klaus!", schrie er mit sich überschlagender Stimme. "Alles an die Wand zur Bescherung!" Igor Datschenko fand, dass der Kerl wie Polizeianwärter Kowalke bei einer Schulwegkontrolle klang. Reflexartig wollte der Juniorpate durchs Fenster verschwinden, prallte aber zurück. Von draußen starrte ihn eine faltige Frauenfratze mit bewarzter Nasenspitze und einem Kegelhut auf dem Kopf an. Sie drohte ihm mit einem Besen. Befana, die italienische Weihnachtshexe, durchfuhr es Datschenko, der früher mal ein Volontariat bei der Cosa Nostra absolviert hatte.
Dann flog die Tür aus den Angeln und zwei weitere Weihnachtstypen trampelten in die Datscha. "In Ordnung, mein Name ist Ruprecht", rief der eine. "Revierleiter Ruprecht. Ich hörte, Sie haben sich einen neuen iMac gewünscht. Das geht klar. Zunächst aber müssen wir nach überliefertem Brauch ihren alten Computer mitnehmen!"
Er gab seinem Begleiter einen Wink. Dieser trug einen Pelzmantel, hatte einen wallenden Bart, einen Bauch so dick wie ein Geschenkesack und ein magisches Zepter in der Faust, das Datschenko irgendwie an Wachtmeister Drombuschs Teleskopknüppel erinnerte.
"He, Moment mal, dich kenne ich", kreischte der Mafiapate. "Du bist Väterchen Frost. Du hast keinerlei Befugnisse, denn du darfst erst nach Silvester auftauchen!"
"Kleine Kalenderänderung", knurrte der andere frostig, während er mit Datschenkos Computer unterm Arm zur Tür hinauswalzte. "Weihnachten und Neujahr finden heuer aus ermittlungstaktischen Gründen an einem Tag statt."
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