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Bescherereien
(Die verschollene Langfassung)
Im Polizeirevier Tief-Ost war eine Weihnachtsfeier anberaumt worden. Bei
einer Lebensmittelkontrolle im Aldi-Markt hatte Drombusch Spekulatius
und löslichen Kaffee sichergestellt. Der Revierleiter gestaltete
am Computer einen Aushang, auf dem stand, dass Straftaten im Bereich
der hiesigen Dienststelle vorübergehend strengstens untersagt
waren. Das sollte den Beamten ihre verdiente Weihnachtsruhe sichern.
Allerdings wurde gemunkelt, dass sich der dorfbekannte Kaffeekassenknacker
Schlieder nicht an das Verbot halten wolle. Angeblich wollte er das
Essen auf Rädern überfallen, das den Weihnachtsbraten ins
Seniorenheim lieferte.
Es konnte aber auch sein, dass Schlieder dieses Gerücht selbst
ausgestreut hatte und eine ganz andere Schandtat plante.
"Das
müssen wir glücklicherweise erst einmal abwarten",
sagte der Revierleiter und gab die Feier frei. Jetzt fehlte nur noch
Kriminalmeisterin Margitta Mehlhorn, die ihre Teilnahme an den
Festlichkeiten aber fest zugesagt und sogar eine Überraschung
angekündigt hatte.
Während sie warteten, führte Polizeianwärter Kowalke den anderen
seinen Beitrag zum Gelingen des Abends vor. Der übereifrige
Jungpolizist hatte herausgefunden, wie man sich aus dem
Revier-Rechner ins sächsische Verkehrsleitsystem einloggte.
"Wisst ihr, weshalb die Polizeisoftware Integrierte Vorgangsbearbeitung
heißt? Weil man zeitgleich mit den Straßenampeln die
Signale der Eisenbahn steuern kann", erläuterte er stolz.
Auf dem Monitor verfolgten die anderen gebannt Kowalkes Regieversuche.
Der Polizeianwärter hatte Recht: Das hier war mindestens so gut,
als würden sich Märklin und Carrera zusammentun und ein
Spielzeug-Katastrophengebiet auf den Markt bringen. Morgen würde
es wieder heißen, der Weihnachtsverkehr sei chaotisch gewesen
Die Beamten gönnten Kowalke den Spaß, weil der Polizeianwärter
beim Wichteln Pech hatte. In seinem Päckchen war bloß ein
Gutschein über einen 24-Stunden-Aufenthalt im Revier -
24 Stunden, in denen er sogar im Chefsessel Platz nehmen durfte, weil
er ganz allein sein würde. Die Sache hatte aber einen Haken: Der
Gutschein galt nur zu Silvester.
POM Schröder hatte auch in diesem Jahr eine Figur zur Ergänzung
des dienststelleneigenen Weihnachtsberges gedrechselt. Einen
Nussknacker in Polizeiuniform, mit dessen Kauleisten man
Führerscheine entwerten konnte. In der Dekoration standen schon
ein Bergmann und ein Engel, ebenfalls in Polizeiuniform. Der Bergmann
hielt eine Stoppkelle und ein Blutentnahmegerät, der Engel
umklammerte statt der althergebrachten Kerzen zwei
Verkehrsregelstäbe.
Eine andere Weihnachtsszene bestand aus einem streng blickenden
Räuchermann mit ABV-Armbinde, der das Urteil über ein
Moosmännchen fällte, das im Wald geraucht hatte.
Der Räucher-ABV wurde von zwei Nachtwächtern mit Laserpistolen
unterstützt, die einen Verkehrssünder dingfest gemacht
hatten. Der Sünder war aus Pappmaché; ein Mann im
mittleren Alter mit langem, wallendem Haar, einem ausgemergelten
Gesicht und leichten Verletzungen auf der Stirn.
Dem Dorfpfarrer gefiel die Szene überhaupt nicht. Die Bevölkerung
hatte aber keine Einwände gegen den Weihnachtsschmuck ihrer
Polizei, weil die Beamten in der Adventszeit nie blitzten. Die
Radarfallen blinkten in den Fenstern des Reviers. Wie eine
Lichterkette aus Hongkong.
Plötzlich kam ein Geräusch von draußen. Drombusch spähte aus
dem Fenster und erhaschte einen Blick auf einen Mann im
Weihnachtskostüm, der sich mit einem Greifhaken an der Fassade
hoch hangelte.
Der Wachtmeister handelte umgehend.
Er griff sich die Stehleiter, mit der sie den Tannenbaum angeputzt
hatten, und zwängte sich durch das Oberlicht. In diesem
Augenblick wälzte sich der falsche Weihnachtsmann über die
Dachkante. Drombusch erwischte ihn mit einem Gummigeschoss genau
zwischen den Augen.
Stumm kippte der Eindringling hintenüber und fiel in den Rotdornbusch
auf dem Revierhof. Sein Sack schlug direkt nach ihm ein und drückte
den Weihnachtsmann tiefer in die Stacheln.
Als der Wachtmeister in die Amtsstube zurückkletterte, fragte der
Revierleiter: "Und, Horst, war das der Schlieder? Wo hast du
ihn?"
"Der feiert Heilige Nacht im Dornbusch. Wir sollten ein paar Kerzen ins
Gestrüpp hängen."
"Nein, lass das mal lieber, das gibt nachher bloß wieder Diskussionen
mit dem Pfarrer."
Da ging die Tür auf und Margitta Mehlhorn trat über die
Schwelle. Sie hatte sich als Christkind verkleidet. Die Kriminalistin
trug das Brautkleid ihrer Mutter und hatte sich letzte Nacht
Lockenwickler ins blonde Haar gedreht. Auf ihrem Kopf saß eine
zum Heiligenschein umgebaute Dienstmütze.
"Na, das ist aber eine Überraschung", fand der Revierleiter.
Margitta Mehlhorn lächelte geheimnisvoll. "Wartet nur ab, die
Überraschung wird noch größer. Eigentlich dürfte
ich euch das ja nicht verraten, aber der Polizeidirektor hat
beschlossen, sich im neuen Jahr intensiver um seine Landreviere zu
kümmern. Den Anfang will er heute Abend machen, indem er
persönlich die Bescherung vornimmt. Er wollte eigentlich schon
da sein ..."
Die Männer blickten Drombusch entgeistert an. Nach einer Weile
räumte der Wachtmeister ein: "Schöne Bescherung."
Diese Geschichte sollte zu Weihnachten 2003 auf der Homepage der Freien
Presse veröffentlicht werden. In der Zeitung gab es nur die
gekürzte Fassung - ich hatte nämlich doppelt soviel
geschrieben wie in die Netzgeflüster-Spalte passte. Durch ein
Versehen der Online-Redaktion wurde dann aber die Zeitungsfassung auf
die Website gestellt. Was lange währt ... hier ist sie
also, die verschollene Langfassung.
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