REVIER TIEF-OST

Drombuschs Passion

(Dieses Abenteuer erschien Ostern 2004 exklusiv im Netz)

Im Polizeirevier Tief-Ost liefen die Oster-Vorbereitungen auf Hochtouren. Wachtmeister Drombusch brütete Radarfallen-Verstecke fürs Karfreitagblitzen aus. Anwärter Kowalke war zum Eierausblasen abgestellt. POM Schröder verschönerte die Schalen unter Zuhilfenahme von Dienstsiegel und Stempelkissen.

Kowalke verwendete ein Blasröhrchen aus dem Alcomaten, konnte das Rohmaterial aber nicht halb so rasch bereitstellen, wie der Revier-Oldie, dessen motorische Fähigkeiten im Alter nachgelassen hatten, die Eier kaputt stempelte.

Vom vielen Blasen war Kowalke schummerig im Gehirn. Als plötzlich die Tür aufflog und sein Kopf hochruckte, vergaß er, das Ei abzusetzen.

Die Polizisten blinzelten überrascht. Auf der Schwelle stand Pfarrer Müller mit einem Eigelb auf dem Talar.

"Mahlzeit, Herr Pfarrer", brummte Drombusch. "Etwas hastig gefrühstückt, was?"

Der Kirchenmann wollte dringend zum Revierleiter.

"Der müsste gleich wiederkommen", informierte Drombusch. Der Chef war zum Sperrmüllsammelplatz gefahren. Anlässlich des bevorstehenden Osterfestes hatte er sich verpflichtet, den Weihnachtsbaum zu entsorgen.

"Hiermit beantrage ich Polizeischutz", erklärte Pfarrer Müller nach der Rückkehr des Revierleiters. Die Beamten erfuhren, dass die Glatzen Ost gedroht hatten, die Osterfeierlichkeiten in der Kirche zu stören.

Die Glatzen Ost waren die lokale Neonazi-Gruppierung, und bei den Osterfeierlichkeiten in der Kirche handelte es sich um ...

"Ein Passionsspiel", erläuterte der Pfarrer.

"Verstehe", brummte Drombusch. "Ihr werft euch Südfrüchte zu."

Der Kirchenmann rollte genervt mit den Augen. "Habt ihr schon mal etwas vom Kreuzweg gehört?

Der Wachtmeister wedelte mit seinem Dienstplan. "Wünschen Sie, dass wir dort eine Radarfalle aufstellen?"

Der Pfarrer erzählte den Beamten von Nazareth, Jerusalem und Golgatha, von Herodes, Pilatus und den Philistern, von Schuld und Sühne, Tod und Auferstehung.

"Alles klar", versprach der Revierleiter eingeschüchtert, "wir kommen."

Zur Osterfeier erschienen Drombusch und Kowalke in der Kirche. Sie durchleuchteten die Gewänder der Chorfrauen mit einem Röntgenapparat, verwanzten die Orgel und ersetzten die Buntglasfenster durch kugelsichere Plexischeiben.

"Alles Roger", krähte Kowalke, aber Drombusch war erst zufrieden, als der Metalldetektor neben der Kanzel funktionierte. Jedes Mal, wenn Pfarrer Müller sein Kreuz hob, ging ein schrilles Fiepen durchs Kirchenschiff.

Von den Glatzen war noch nichts zu sehen. Aber sie waren den Beamten bislang ohnehin jedes Mal durch die Lappen gegangen.

Im Pfarrgarten standen ein paar römische Legionäre herum und rauchten F6. "Ich frage mich, wozu Pfarrer Müller uns angefordert hat", knurrte Drombusch. "Er hat doch genügend Sicherheitspersonal."

Wie sich herausstellte, waren die Römer schon verplant. Nach der Zigarettenpause gingen sie mit Peitschen, Hämmern und Vierkantnägeln gegen eine langhaarige Verdachtsperson vor, die versucht hatte, ein großes Holzkreuz von der Bühne zu entwenden.

"So ein dämlicher Kerl", kommentierte Drombusch kopfschüttelnd. "Das Ding war viel zu schwer für eine rasche Flucht."

Kowalke sah genauer hin und erkannte, dass es sich bei dem Dieb um Sérge, den Leiter des christlichen Jugendklubs, handelte. Er nickte ihm zu, aber der Jugendpädagoge konnte nicht zurückgrüßen, weil er gerade einen römischen Speer in den Bauch bekam.

Der fassungslose Polizeianwärter rüttelte am Arm seines Wachtmeisters. "Ich glaube, sie bringen ihn um. Sollten wir nicht eingreifen?"

"Warte noch einen Moment", knurrte Drombusch. Er hatte Sérge nie leiden können. Zu seinem Bedauern stieg der Sozialarbeiter eine Weile später unter dem Beifall der Kirchenbesucher unverletzt vom Kreuz.

Mürrisch schickte der Wachtmeister seinen Untergebenen auf einen Erkundungsrundgang durch den Pfarrgarten. Nach einer Viertelstunde kam Kowalke zurück.

"Und?" machte Drombusch. "Etwas gesehen?"

Der Jungpolizist nicke eifrig. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sie waren voll bunter Eier. "Die liegen da draußen einfach so herum."

Plötzlich schallte infernalischer Lärm aus dem Garten. Die Glatzen griffen an! Drombusch schnappte sich ein römisches Kurzschwert. Es war aber nur der Dorfnachwuchs, der zum Kinderfest kam. Als die Jungen und Mädchen Kowalke und die Eier sahen, nahmen sie kreischend die Verfolgung auf.

Pfarrer Müller trat neben Drombusch.

"Was war mit Sérge los?" fragte der Wachtmeister. "Macht er Ihnen Ärger?"

"Überhaupt nicht. Er hat in unserer Aufführung den Jesus gespielt."

"Meinetwegen, aber wozu musste er da oben herumturnen?" Drombusch wies auf das jetzt verwaiste Kreuz.

"Sie haben wirklich keine Ahnung, was?" versetzte der Pfarrer erschüttert. "Jesus hat auf diese Weise für all unsere Missetaten gebüßt."

"Sie meinen, das war so eine Art Bußgeldverfahren?"

Der Kirchenmann wandte sich wortlos ab. Der Wachtmeister zuckte mit den Schultern und ging Kowalke suchen. Im Pfarrgarten war von dem Polizeianwärter nichts zu sehen. Eine Fährte aus verlorenen Eiern führte quer über die Wiese. In der Ferne verhallte das Geschrei der Kinder.

Auf einer Bank erblickte Drombusch die Werkzeuge der Legionäre. Er war gerade dabei, die Nägel einer eingehenden Prüfung zu unterziehen, als er im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Drei picklige Glatzköpfe in Bomberjacken schleppten ein riesiges Hakenkreuz in Richtung Kirchturm. Sie schickten sich an, die roh gezimmerte Konstruktion aufs Dach zu hieven.

Ein Lächeln trat auf die Lippen des Wachtmeisters.

Am Ostermontag berief der Polizeipräsident eine Krisensitzung ein. In der Region Tief-Ost hatte der berüchtigte Wachtmeister Drombusch wieder einmal über die Stränge geschlagen.

"Mein Gott, ein Bußgeld hätte es doch auch getan!" rief der aufgebrachte Polizeichef. "Aber das ... Was hat er sich bloß dabei gedacht?"

Der Revierleiter wusch seine Hände in Unschuld: "Horst erwähnte lediglich, diesmal habe er die Glatzen festgenagelt."