REVIER TIEF-OST

Urlaub bei Dolonski

Der jährliche Gesundheits-Check im Revier Tief-Ost erbrachte stabile Ergebnisse. Drombusch hatte schweres Übergewicht, bei Polizeianwärter Kowalke diagnostizierte der Arzt das preletale Zappelsyndrom, der Revierleiter litt unter internetbedingter Migräne. Alles war so wie immer, aber im Psychotest hatten die Beamten diesmal Strichmännchen aufs Papier gemalt, die an kleinen Galgen hingen.

"Na schön", entschied Heinz Ficker, der Tiefen-Psychologe, "ihr braucht Urlaub. Fahrt mal weg." POM Schröder schnaufte erleichtert. Sein Strichmännchen war gar nicht erst fertig geworden, weil dem Revier-Oldie der Bleistift aus der Hand gefallen war.

Die Polizisten erhoben sich murmelnd und wandten sich zur Tür. "Urlaub also", sagte der Revierleiter, als sie wieder im Revier saßen. "Aber wohin fahren wir?"

Die Auswahl eines Urlaubsortes war schwierig. Es gab nicht viele Länder, die ein deutscher Polizist reinen Gewissens aufsuchen konnte. Die Beamten blickten zweifelnd auf die Schwarzliste an der Revier-Pinwand.

Drombusch hatte schon immer mal das Land der unbegrenzten Möglichkeiten besuchen wollen, weil er gehört hatte, dass Polizisten dort unbegrenzt viele Alkoholkontrollen vornehmen durften, und dass ihnen dafür auch unbegrenzt Munition zur Verfügung stand. Aber der Revierleiter hatte die USA in die Liste der Schurkenstaaten aufgenommen, nachdem er beim Kaugummikauen eine Zahnplombe verloren hatte.

Die Schwarzliste hing gleich neben den Steckbriefen und konnte von jedem Beamten handschriftlich ergänzt werden. Kowalke hatte Tirol eingeschrieben, weil er im Skiurlaub von der Schanze gefallen war. Und nach den verregneten Sommerferien letztes Jahr musste POM Schröder auf Anweisung seiner Frau Usedom aufs Papier kritzeln.

"Was haltet ihr von Polen?" fragte der Revierleiter. Ehe Drombusch den Mund aufmachen konnte, fügte er hinzu: "Sie sind unsere Nachbarn und gehören jetzt auch offiziell zu Europa."

Drombusch nickte. "Verstehe. Der Bundeskanzler sagt immer, wir tragen Verantwortung für Europa."

"Easy", krähte Kowalke. "Aber wie kommen wir in dieses Polen?"

"Wir brauchen einen Routenplaner", überlegte der Chef. "Sieh mal in dem Zubehörkarton nach, den die Jungs vom Systemhaus zu unseren Rechnern geliefert haben."

Kowalke verschwand in der Rumpelkammer. "Keine Landkarten", meldete er nach einer Weile. "Und überhaupt nichts mit Polen. Hier ist nur eine CD über Rom." Er hielt eine Silberscheibe in die Höhe. Darauf stand: CD-ROM.

"Was wisst ihr über Polen?" fragte der Revierleiter als Nächstes.

"Das Land ist ein Phänomen", erklärte POM Schröder, der im Fernsehen etwas darüber gesehen hatte. "Nach Polen exportiert Deutschland die wenigsten Autos. Trotzdem fahren in Polen fast nur deutsche Autos herum."

Drombusch schnaubte, und der Chef legte fest, dass der Ausflug ins Nachbarland keinesfalls mit dem Dienst-Kfz erfolgen würde.

"Wir fahren mit dem Bus", entschied er und hielt einen Zettel in die Höhe, den gestern jemand durch den Türspalt ins Revier geschoben hatte. Ausflug zum Polenmarkt, stand dort, Abfahrt täglich 9 Uhr. "Ich glaube, täglich ist heute", informierte der Revierleiter. Kowalke schaute auf seine Armbanduhr und nickte.

Sie liefen zur Bushaltestelle am ehemaligen Kulturhaus, das seit der Wende geschlossen war. Hier fuhren auch nicht mehr viele Busse ab. Jeden Mittwoch ging der Kraftomnibus in die Kreisstadt, und freitags kam er meistens zurück. Die Haltestelle musste aber nicht stillgelegt werden, weil der Bus zum Polenmarkt regelmäßig fuhr.

Der Revierleiter deutete auf das Prospekt. "Da steht, dass wir in einem modernen Fernreisebus abgeholt werden. Weiß jemand, was das ist?"

Die anderen konnten diese Frage nicht beantworten, aber als der Bus kam, sahen sie es: Das Fahrzeug hatte eine sehr lange Reise hinter sich. Wahrscheinlich war es vor 60 Jahren nach Stalingrad gefahren, danach nach Sibirien und weiter über den Ho-Chi-Minh-Pfad nach Kabul. Anschließend war es ohne Unterbrechung und ohne Inspektion direkt zu dieser Haltestelle geschickt worden. Zum Glück waren die Beamten nicht im Dienst, und die Fahrt konnte beginnen.

Außer den vier Polizisten saßen noch ein Dutzend alte Frauen und ein stoppelbärtiger Alkoholiker im Bus, der wahrscheinlich von der Stalingrad-Reise übrig war.

Der Busfahrer machte eine Durchsage. Er musste brüllen, um das Klappern der Stoßdämpfer, das Ächzen der Karosserie und das Klingeln des Motors zu übertönen. "Wir haben für jeden einen halben Kubikmeter Stauraum reserviert. Für Zigaretten, gefälschte Nike-Schuhe und Billigbenzin."

"Bei den Polen kaufe ich sowieso nichts", knurrte Drombusch und starrte den Fahrer herausfordernd an, bis dieser nachgab und den Blick wieder auf die Fahrbahn senkte.

"Warum heißt der Markt eigentlich Polenmarkt?" fragte Kowalke. Drombusch brummte: "Weil der Markt in Polen liegt, und weil die Polen dort versuchen werden, dir die letzte Mark aus der Tasche zu ziehen."

"Verschärft", meinte der Polizeianwärter. Nach einer Weile fügte er erleichtert hinzu: "Ich glaube, sie werden nicht weit kommen. Ich besitze nämlich nur noch Euros."

Die Fahrt war strapaziös und fühlte sich an, als ginge es wieder nach Kabul. Die Männer vom Revier Tief-Ost verließen den Bus als Letzte, weil die Rentnerinnen beim Aussteigen drängelten. Nur der Alkoholiker verschlief die Ankunft. Vielleicht wartete er aber auch nur ab, bis der Bus nach Stalingrad weiterfuhr.

Die Polizisten schlenderten über den Markt, guckten den Babuschkas interessiert in die Gemüsekörbe und den jungen Polinnen mit noch größerem Interesse in die Körbchen mit dem Frischfleisch.

"Was kauft man denn hier so?" wollte Kowalke wissen. POM Schröder sagte: "Hier kriegst du alles." Er stierte einer jungen Frau in einer engen Bluse hinterher, schluckte trocken und fügte hinzu: "Einfach alles."

Der Revierleiter hatte das Gerede satt, schließlich waren sie jetzt im Urlaub. Deshalb befahl er, dass jeder für sich allein den Markt erkunden sollte.

Das taten sie. Die Beamten blinzelten in die Sonne und ließen es ruhig angehen. Nur Drombusch konnte sich nicht richtig entspannen. Immer wieder hörte man seine Stimme über den Platz dröhnen: "Sie da - runter vom Rad! Nehmen Sie die Kinder an die Leine! Entfernen Sie die Hundekacke von Ihrem Schuh!"

Nach einer Weile hetzte Kowalke heran. "Wachtmeister!"

"Was ist?" Drombusch klang ungehalten.

Kowalke senkte die Stimme. "Ich glaube, der Reiseveranstalter hat uns betrogen. Der Bus hat uns nach Vietnam gebracht."

"Wie kommst du darauf?"

Kowalke deutete auf den Markt. "Sehen Sie hier irgendwo einen Polen?"

Drombusch schnaubte.

"Man merkt es auch daran, dass die Händler gar nicht hinter Markstücken her sind." Der Polizeianwärter wedelte mit seiner geplünderten Geldbörse. "Sie haben mir alle meine Euros abgenommen."

"Was hast du dafür gekriegt?" fragte Drombusch.

"Einen ägyptischen Bausatz für eine Pyramide mit einem Kamel davor", meinte Kowalke und zeigte dem Wachtmeister eine Stange Filterzigaretten der Marke Camel Light ohne Steuerbanderole.

Drombusch betrachtete die Packung, schüttelte genervt den Kopf und wies den Polizeianwärter an, die Schachtel umzutauschen. "Das ist die Light-Version", sagte er. "Die ist abgespeckt. Da sind nur eine kleine Pyramide und ein halb verhungertes Kamel drin. Außerdem wird der Staat um die Steuer betrogen, was negative Auwirkungen auf die Anschaffung neuer Blitzgeräte hat."

Als Kowalke fort war, holte Drombusch tief Luft. Er hasste diesen Tag. Er hasste den Urlaub, er hasste den Polenmarkt und am meisten hasste er die deutschen Touristen, die ihn ansahen und wissen wollten, an welchem Stand man so coole Uniformen kaufen konnte.

Aber Drombusch kam nicht zur Ruhe, denn auf einmal sagte eine Stimme hinter ihm: "Hallo, Herr Wachtmeister. Was macht die Aufklärungsquote?"

Drombusch wandte sich um. Wjatscheslaw Dolonski stand vor ihm, der berüchtigte Brieftaschenschlitzer aus Breslau. Zweimal hatten die Polizisten Dolonski um ein Haar dingfest gemacht. Beim ersten Mal wurde er versehentlich zum Bürgermeister gewählt, beim zweiten Mal entkam er mit der Computerausstattung des Rathauses über die Grenze. Jetzt hatte er ein dickes Bündel Euroscheine in der Hemdtasche und grinste schmierig. "Ich sag auch gleich auf Wiedersehen, Herr Wachtmeister. Bis irgendwann."

Drombusch antwortete nichts. Er ging ein paar Schritte weiter und kaufte sich einen Sack Kartoffeln aus garantiert chemischem Anbau.

Später im Bus fragte Drombusch den Fahrer, ob er den Stauraum des Revierleiters und POM Schröders mitbenutzen durfte, die außer einigen bunten Heften nichts Brauchbares gefunden hatten. Das wurde ihm gestattet. Er konnte sogar Kowalkes Stauraum haben, weil der Polizeianwärter seine Zigarettenstange zurückgegeben hatte. Sein Geld wollte ihm der Händler später überweisen.

Der Bus rumpelte in Richtung Heimat. "An der Grenze müsste es schnell gehen", sagte der Revierleiter. "Es gibt keine Gepäckkontrollen mehr, weil wir jetzt alle eine große europäische Gemeinschaft bilden."

Drombusch nickte ausnahmsweise zufrieden.

Unten, im Gepäckfach, begann sich der Kartoffelsack zu regen, den der Wachtmeister vom Markt geschleppt hatte. Doch der Motor röhrte laut, und niemand hörte das leise Stöhnen des halb betäubten Brieftaschenschlitzers.

"Europa find ich gut", knurrte Drombusch.