REVIER TIEF-OST

Leseprobe



Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Die Pyramiden von Tief-Ost".
Wachtmeister Drombusch, der Revierleiter und Polizeianwärter Kowalke haben eine Spur des legendären Bernsteinzimmers gefunden. Nachdem sie sich bei der Einweihung einer Ortspyramide einen Fehlschlag geleistet haben, wollen sie mit Felix Pudelko reden, einem ehemaligen Stasimann, den sie zuvor kennengelernt haben. Pudelko führt ein kleines Schaubergwerk, das es in sich hat, wie man sehen wird …



… Als sie am Schaubergwerk aus dem Wagen stiegen, fuhr ein Reisebus ab. Ein Junge winkte ihnen aus dem Fenster zu. Drombusch starrte ihn böse an. Der Junge erschrak und legte sich schuldbewusst den Sicherheitsgurt um den Bauch.
Neben dem Eingang stand der graue Wartburg, den sie schon kannten. Modell Wolke 875, erinnerte sich Drombusch, mit Geheimkameras im Scheinwerfer. Damit hatte die Stasi Leute fotografiert, die zu Bürgerversammlungen gingen.
"Cool", begeisterte sich Kowalke. "Fast wie wir. Wir blitzen auch alle Leute, die eilig zu einer Sitzung müssen."
Drombusch hielt es für angebracht, den Jungpolizisten darauf hinzuweisen, dass sich seit den Zeiten der Stasi einiges geändert hatte. Heute mussten die Leute nicht mehr zur Versammlung laufen, weil jeder ein Auto hatte.
"Unser Glück", meinte Kowalke. "Sonst wären sie ja nicht schnell genug, um den Blitzer auszulösen."
Die Tür schwang auf und Pudelko trat heraus. Er winkte ihnen zu, und sie liefen über den Parkplatz zum Huthaus, von wo aus früher die Bergleute in die Stollen eingefahren waren. Kowalke trug die Beweismittel: Die Kinderwiege unter dem rechten, die lädierte Jungfrau unter dem linken Arm. Den Scheck hatte er in der Brusttasche.
"Da seid ihr ja, Genossen!" rief Pudelko aufgeräumt. Drombusch holte tief Luft, aber der Revierleiter legte ihm die Hand auf die Schulter. Dann wandte er sich an den rundlichen Ex-Kundschafter: "Können wir reingehen? Wir müssen über das Bernsteinzimmer reden."
Pudelko brachte sie in den Kassenraum des Schaubergwerks. "Was schleppt ihr da eigentlich für ein Zeug mit euch herum?" Er wies auf Kowalke.
"Spurenträger" informierte der Revierleiter.
"Das bin ich", grinste Kowalke. Ich trage die Spuren. Total aufschlussreiche Sachen, Sie werden sehen."
Der Revierleiter hob zu einer Erklärung an, aber Pudelko unterbrach ihn. "Nicht hier. Gehen wir an einen sicheren Ort." Er kroch im Kassenhäuschen unter den Schreibtisch. Wie ein Trabantfahrer, der sich in den Fußraum seines Autos beugt, weil er den Hebel für die Benzinreserve sucht.
Pudelko fand einen Schalter. Rumpelnd öffnete sich der Boden im Huthaus. Eine fünfzehn Zentimeter dicke Betonplatte glitt zur Seite und gab einen Einstieg von der Breite eines überernährten Mannes Ende Vierzig frei. Etwa Drombuschs Statur. Stufen aus Stahlbeton führten in die Tiefe. Kühle Luft stieg nach oben. Es roch nach vergilbten Dienstanweisungen, dahinmoderndem Sprelakartmöbel und durchgeschwitzten Kragenbinden
"Ein Stasi-Bunker!", grollte Drombusch.
Pudelko korrigierte ihn: "Eine Ausweichdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit."


Einst war die Staatssicherheit Schild und Schwert der Partei gewesen, und für den Fall, dass die Partei die Waffen strecken musste, hatte man Bunker unter die Erde gegraben. Hier konnten unerschütterliche Staatsdiener einen Atomkrieg, einen Arbeiteraufstand und sogar eine Perestroika aussitzen. Nur mit der Wiedervereinigung hatte keiner gerechnet. Die Stasi war überrumpelt worden und hatte es nicht mehr in die Bunker geschafft.
Es hatte mehrere dieser unterirdischen Rückzugsräume gegeben. Sie waren als Ferienheime getarnt gewesen, als Lokschuppen oder als Teststrecke für moderne Personenkraftwagen, die nie vom Band gerollt waren. Es hieß, dass man bis heute nicht alle Bunker gefunden hatte.
Im Ernstfall wollte sich die Stasi in ihre Ausweichdienststellen zurückziehen und Gegenmaßnahmen einleiten. Felix Pudelko fand, eine imperialistische Konterrevolution war ernst genug, um unter die Erde zu gehen. Nur hatte er bisher nicht viel mehr dagegen unternehmen können als ein Schaubergwerk zu eröffnen, monatlich den Bunker auszufegen und abzuwarten, bis im Land eine revolutionäre Situation heranreifte.


Der Ex-Kundschafter führte die Polizisten durch schmale Gänge, von denen niedrige Räume abzweigten. Sie sahen verbeulte Aktenschränke, Kleiderständer mit eingeschweißten Uniformen und Schreibtische aus Stahlrohr, auf denen weißblaue Erika-Schreibmaschinen thronten. In einer steckte ein Blatt braun gewordenes Papier. Es enthielt die Anfangszeilen eines Einsatzbefehles. Auf einem rissigen Emailleschild stand, dass die Dienststelle EVA war, ein energiewirtschaftlich vorbildlich arbeitender Betrieb.
"Wenn das der Dieter sehen könnte", murmelte der Revierleiter fasziniert.
"Wer ist Dieter?" wollte Pudelko wissen.
"Polizeiobermeister Dieter Schröder", informierte ihn Drombusch. "Einer wie du. Ex-Abschnittsbevollmächtigter."
Pudelko nickte ernst. "Das war eine gesellschaftlich nützliche Tätigkeit."
Sie kamen an Batterien von Fernschreibern und Funkgeräten vorbei, an einem Waffenständer mit sowjetischen Sturmgewehren, die nach Öl und Einsatzbereitschaft rochen, und an tausenden Sandsäcken, die man zu Barrikaden aufgeschichtet hatte.
"Total kultig!" entfuhr es dem begeisterten Kowalke.
"Ja, die Arbeits- und Kampfbedingungen hier unten sind ganz in Ordnung", meinte Pudelko geschmeichelt. Er zählte auf: Die Säcke waren mit Sand aus Kühlungsborn gefüllt, der Bunker hatte Warmwasserduschen und eine Küche mit Elektroherd. Zur Ausstattung gehörten Eierkocher mit eingebauter Zeitschaltuhr und sogar ein experimenteller DDR-Colaautomat, der nie in Serie gegangen war. Es gab auch ein akzeptables Belüftungssystem und eine ABC-Schleuse, die das Überleben der Besatzung sicherstellte, wenn draußen ein unkonventioneller Krieg tobte.
"Cool", freute sich Kowalke, "ich war früher auch mal bei den ABC-Schützen. Mein Lehrer hat immer gesagt, wenn ich in den Krieg ziehe, ist alles ganz schnell vorbei."
Drombuschs schnaubte. Felix Pudelko hatte nur mit halbem Ohr hingehört. Er machte sich an einer Stahltür mit unterarmlangen Hebeln zu schaffen. Knirschend gaben die Riegel nach, und die Tür schwang auf. Er musste laut sprechen, um ihr Quietschen zu übertönen.
"Willkommen in meiner Einatzzentrale, Genossen!"


Es war der größte Raum im Bunker. An der Wand hing eine Fotografie von Erich Honecker. Das Bild zeigte den Generalsekretär in seinen besten Jahren, als er mehr Haar, weniger Falten und fast keine Kritiker hatte. Ein wissendes Lächeln umspielte seinen Mund. Das hatte jedem Stasi-Mitarbeiter klar machen sollen, dass es Dinge gab, die nur der Mann ganz oben begriff. Honeckers Brille war schon damals aus der Mode gewesen. Er trug sie seit seiner Jugend und hatte sich nie eine neue zugelegt, was zum Teil erklärte, weshalb er am Ende den Durchblick verloren hatte.
An der gegenüberliegenden Wand hing eine Fotografie von Erich Mielke. Der Stasi-Minister blickte verkniffen drein, als müsse er scharf nachdenken, ob der Betrachter seiner Zuneigung würdig war.
Früher hatten in diesem Raum Einsatzbesprechungen der Bunkerbesatzung und das Parteilehrjahr stattgefunden. Im Laufe der Jahre hatte Pudelko jedoch alles hineingeschleppt, was von der Stasi übrig geblieben war und das er irgendwie hatte retten können. Nun war es eng in der Zentrale.
Kowalke schlich zwischen ein paar Regalen umher, die aus Stahlblechteilen zusammengeschraubt waren, wie aus einem riesigen Metallbaukasten. "Prima, ihr habt sogar an Kompott gedacht." Er nahm ein trübes Einmachglas heraus und hielt es ins Neonlicht. "Was ist da drin - Socken?"
"Vorsicht damit", warnte Pudelko. "Das ist das einzige Exemplar, das ich von Konrad Reppelmann habe."
Das Regal enthielt Geruchskonserven. Taschentücher, Schuhsohlen und Haargummis von Umweltschützern, Pfarrern und anderen Aufwieglern. Wollte die Stasi diese Leute finden, hatte man einen Fährtenhund geholt und ein Kompottglas aufgemacht. Konrad Reppelmann war Begründer der Ortsgruppe des Neuen Forums gewesen. Er kam aus der Tramperbewegung und war meistens barfuß gegangen, was der Dederonsocke besonderen Wert verlieh.
"Ich sehe schon, auch Ralf hätte hier seine Freude", meinte der Revierleiter. "Es ist wie im Museum."


Kowalke zog sein Handy aus der Tasche, aktivierte die Diktierfunktion und begann seine Beobachtungen ins Mikrofon zu sprechen: "Ich kann nirgendwo einen Computer sehen, aber die Kundschafter damals waren clevere Leute. Sie hatten die Verdächtigen nicht im Computer, sondern in Gläsern. Da findet man sie auch viel leichter."
Drombusch schnaufte verächtlich.
"He", rief Pudelko, "kein Wort über die Konserven mit den Bürgerrechtlern!"
Kowalke sah ihn verständnislos an. "Bürgerrechtler? Ich dachte, das waren Aufwiegler."
"Genau! Du wärst ein guter Kundschafter geworden."
Kowalke strahlte über beide Ohren.
Pudelko wandte sich den anderen zu. "Also, was hat es mit diesem Zeug auf sich?" Er wies auf die lädierten Figuren, die der Jungpolizist auf einem Tisch abgestellt hatte.
Der Revierleiter erzählte ihm von der Weihnachtspyramide auf dem Marktplatz …